Der Frieden soll warten, Rosskur in Belgien – und Tsipras tritt nach
Die Watchlist EUropa vom 25. November 2025 – Heute mit News und Analysen zum diplomatischen “Blitzkrieg” gegen Trumps 28-Punkte-Plan, der schweren Krise im Kernland der EU und den Memoiren eines legendären früheren griechischen Premierministers.
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Donald Trump hatte es eilig. Bis zum Thanksgiving am Donnerstag müsse Präsident Selenskyj in den mit Russland vereinbarten Friedensplan einwilligen, sonst würde er der Ukraine die amerikanische Unterstützung entziehen. Das Blutvergießen müsse ein Ende haben, forderte Trump.
Doch er hat die Rechnung ohne die EUropäer gemacht. In einer diplomatischen Anstrengung ohnegleichen setzten sie – noch dazu von Afrika aus – alle Hebel in Bewegung, um Trumps 28-Punkte-Plan zu korrigieren und zu revidieren. Das Ergebnis: Ein schneller Frieden ist nicht mehr in Sicht.
„Frieden in der Ukraine gibt es nicht über Nacht“, sagte Kanzler Merz nach einem EU-Sondergipfel zum Ukraine-Krieg in Angolas Hauptstadt Luanda. Man habe den Text erfolgreich überarbeitet und die von Trump gesetzte Deadline aufgeschoben. Der Frieden kann und soll warten.
Auf Kosten der Ukraine
Das ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Zum einen scheint es Merz nicht zu stören, daß sich die militärische, politische und finanzielle Lage in der Ukraine täglich verschlechtert. Dem Land steht der bisher härteste Kriegs-Winter bevor, im Frühjahr droht die Pleite. Doch Eile scheint nicht geboten.
Eilig haben es die EUropäer offenbar nur, wenn es darum gilt, Trump “im Boot” zu halten und die eigenen Ansprüche zu verteidigen. Dann kann alles ganz schnell gehen, dann spricht man sogar wieder die Sprache der Diplomatie. Die EU kann “es” also noch – aber nur, wenn es ans Eingemachte geht.
Und was sind nun die Essentials? Folgt man den Erklärungen der letzten Tage, so kämpft die EU nicht nur um die territoriale Integrität der Ukraine und deren “Recht” auf einen Nato-Beitritt, was angesichts der Vorgeschichte (Kosovo-Krieg, Streit um die Nato-Osterweiterung) bizarr anmutet.
Diplomatischer “Blitzkrieg”
Laut “Euronews” haben die EUropäer auch für die 200 Mrd. Euro schweren russischen Assets und “ihre” Sanktionen gestritten. Sie wollen die Kontrolle behalten. Verständlich – denn das ist die einzige Verhandlungsmasse, die sie in mögliche Gespräche einbringen können.
Allerdings hat die EU nicht etwa angeboten, selbst in Verhandlungen mit Russland einzutreten. Sie will auch keine Sanktionen lockern oder “eingefrorenes” Vermögen freigeben, um einen Anreiz für eine Friedenslösung zu schaffen. Der “diplomatische Blitzkrieg” verfolgt ein anderes Ziel.
Die EUropäer wollen Trump ausbremsen und Putin abschrecken. Über Frieden möchten sie erst reden, wenn sie – gemeinsam mit der Ukraine – selbst die Bedingungen diktieren können. Doch wann soll das sein? Zu Thanksgiving, so viel steht fest, wird es nicht mehr klappen…
Meine Meinung: EUropa hat sich zurück ins Spiel gekämpft – aber um welchen Preis? Die EU weckt nicht nur den fatalen Eindruck, daß ihr Frieden letztlich nicht so wichtig ist. Sie riskiert auch, sich bei einem Scheitern der Verhandlungen allein wiederzufinden. Wenn Trump seine Unterstützung entzieht, dürfte der Krieg schnell außer Kontrolle geraten, die Kosten auch…
Siehe auch Der ehemalige Westen verhandelt mit sich selbst
P.S. Der Kreml lehnt den europäischen Gegenvorschlag ab. Der Plan sei “völlig unkonstruktiv” und funktioniere für Moskau nicht, sagte der außenpolitische Berater J. Uschakow. Derweil zog der ukrainische Parlamentspräsident Stefantschuk erneut „rote Linien“. Damit rückt Frieden wieder in weite Ferne…
News & Updates
Rosskur in Belgien. Das Kernland der EU, Sitz der wichtigsten europäischen Institutionen, rutscht immer tiefer in die Krise. Während die Gewerkschaften einen dreitägigen Streik gegen die Austeritätspolitik begonnen haben, hat sich die Regierung auf neue Einschnitte im Sozialsystem geeinigt. Nach den Renten sollen nun auch die Löhne gekürzt bzw. nicht mehr automatisch an die Inflation angepasst werden. Zudem gibt es tiefe Schnitte im Gesundheitssystem. – Einzig “gute” Nachricht: Premier De Wever bleibt, eine Regierungskrise und Neuwahlen wurden abgewendet. Der flämische Nationalist hatte mit Rücktritt gedroht und ein Ultimatum bis Weihnachten gesetzt… – Mein Bericht in der “taz”
USA machen Druck. Die USA haben eine Änderung der EU-Digitalregeln zur Bedingung für niedrigere Stahlzölle gemacht. US-Handelsminister Lutnick forderte die EUropäer auf, einen “ausgewogenen Ansatz zu finden”, der für die USA “funktioniert”. Erst dann werde Washington “die Stahl- und Aluminiumfragen angehen”. EU-Handelskommissar Sefcovic erklärte sich promot bereit, die Forderungen zu prüfen. – Er knickt also schon wieder ein. In vorauseilendem Gehorsam hatte Brüssel schon der vergangenen Woche eine Lockerung ihrer Digitalgesetze vorgeschlagen…
EU umwirbt Afrika. Die EU hat auf einem Gipfel mit der Afrikanischen Union in Angola um eine stärkere Zusammenarbeit geworben. “Afrika ist ein Kontinent der Chancen”, sagte Bundeskanzler Merz. Elf der 20 weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften lägen in Afrika, sagte Merz. “Das Potenzial ist ganz offensichtlich.” Kommissionschefin von der Leyen warb für eine Freihandelszone. – Doch der europäische Einfluß in Afrika schwindet. Frankreich muß sich aus seinem ehemaligen Kolonien zurückziehen, China und sogar Russland sind auf dem Vormarsch…
Das Letzte
Tsipras tritt nach. Er war ein Star der Linken, dann machte ihm der deutsche Finanzminister Schäuble den politischen Garaus: Zehn Jahre nach der Schuldenkrise in Griechenland und dem Beinahe-Rauswurf aus dem Euro hat der frühere Premier Tsipras seine Memoiren veröffentlicht. Folgt man “Politico”, so sucht er die Schuld für das Scheitern vor allem bei seinem damaligen Finanzminister Varoufakis. Der sei “mehr Star als Ökonom” gewesen und habe alle gegen sich aufgebracht – nicht nur Schäuble und die Eurogruppe, sondern am Ende auch sein eigenes Ministerium. Allerdings war es Tsipras, der Varoufakis zum Finanzminister machte. Tsipras war es auch, der nach dem Referendum im Sommer 2015 und dem “Nein” zu den Auflagen aus Berlin eine brutale Kehrtwende hinlegte – und die deutschen Vorgaben schluckte. Danach ist es still um ihn geworden. Varoufakis hingegen ist weiter politisch aktiv…
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WBD
25. November 2025 @ 16:37
Ach ja, hier die schwedische Aussenministerium in deren ihrem ‘Reichstag’:
Ukraine has always demonstrated that it is serious about achieving a just and lasting peace. Russia has not. Ukraine offered a complete, unconditional ceasefire. Russia did not. Ukraine has always been ready for negotiations. Russia has not.
Since Russia’s position has not changed, neither has Sweden’s or the EU’s position.
As long as Russian aggression continues, Sweden has a clear two-point plan: to strengthen Ukraine and weaken Russia.
This summit also allows us to reaffirm some basic facts once again.
Crimea is Ukraine. Donetsk is Ukraine. Lugansk is Ukraine. Kherson is Ukraine. And Zaporozhye is Ukraine. And let me state clearly and unequivocally: Sweden does not recognize Russia’s illegal annexation of Crimea or any other part of Ukraine’s territory.
Muss man nicht wirklich übersetzten, oder? Das klingt heftig nach Krieg !!
Stef
25. November 2025 @ 14:29
Wir wollen doch den Aktienkurs von Rheinmetall durch einen Frieden nicht gefährden!
Interessant fände ich zu erfahren, welche unserer Spitzenpolitiker in Aktien von Rütsungskonzernen investiert sind.
Helmut Höft
25. November 2025 @ 12:42
“Die USA haben eine Änderung der EU-Digitalregeln zur Bedingung für niedrigere Stahlzölle gemacht.” Als Antwort schlägt die €U die Übernahme der deutschen Kommaregeln durch die USA für die Senkung der Zölle auf “Chlorhünchen” vor!
Donald John im Klartext: Weg mit dem europäischen Vorsorgeprinzip, her mit dem amerikanischen Nachsorgeprinzip (wenn etwas schief geht, kann der kleine Mann doch klagen …)! Weg mit europäischer Rechtssprechnung, nehmt unsere …Es wird nicht aufhören, es wird immer schlimmer so lange wir das Abhängigkeitsspiel mit Begeisterung mitspielen! Außer … c.c.: Der Böse … m(
WBD
25. November 2025 @ 09:18
ebo: “Derweil zog der ukrainische Parlamentspräsident Stefantschuk erneut „rote Linien“. Damit rückt Frieden wieder in weite Ferne…”
im russischen Telegram-Kanal ‘Slavyangrad’ werden diese roten Linien so zitert – mit der Quelle ‘Ukrinform’ aus der Ukraine:
“Crimea is Ukraine, part of the Ukrainian state, and the war will end when Crimea is returned to the territorial integrity of Ukraine,” Stefanchuk’s words are reported by the correspondent of “Ukrinform.”
Friede? NEVER !
Thomas Damrau
25. November 2025 @ 08:46
Heute früh reitet die deutsche Politik wieder auf dem Narrativ “Wir haben eingegriffen und das Schlimmste verhindert”. Das Hineinverhandeln eigener Positionen ist einerseits Teil des Prozesses. (Und das ist bei einem US-Präsidenten, dessen aktuelle Meinung stark von der Qualität des Frühstücks und vom jeweils letzten Gesprächspartner formatiert wird, durchaus möglich.)
Andererseits höre ich aus den Zielvorstellungen deutscher PolitikerInnen die zwei Positionen heraus, auf die Russland mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht eingehen wird:
— erst Waffenstillstand und dann im Detail verhandeln
— Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die auf eine halbe NATO‑Mitgliedschaft hinauslaufen
Ein solches Vorgehen kann schnell nach hinten losgehen. Wenn die US-Administration die überarbeiteten Positionen nach Moskau schickt und sich ein Njet einhandelt, könnte Trump sehr schnell die Schuld bei den “stupid Europeans” suchen.
Eric Bonse
25. November 2025 @ 09:14
In meiner Analyse heute (“Der Frieden soll warten”) komme ich zu demselben Ergebnis.
Helmut Höft
25. November 2025 @ 12:24
@Thomas, @ebo
1. FACK!
2. Aber auch:
“die Schuld bei den “stupid Europeans”… “ liegt sie dort nicht?
– wer hat dem “Heiligen Boris” erlaubt zu sagen (okay, jemand hat es aufgeschrieben und er hat’s abgelesen): “No time for negotiations, time for victory”
– und wer hat das dann auch noch zu unterfüttern versucht? (sprich: Wer war der jemand, der’s dem Boris aufgeschrieben hatte?)
– wer hat schon ~ 20 Jahre vorher vergessen den Amis zu sagen “NATO-Erweiterung nach Osten “Njet! Wenn ihr unbedingt erweitern wollt, dann nehmt doch Neuseeland auf!”
– wer hat dem Spiel im eigenen Hinterhof tatenlos zugeschaut? “The stupid europeans!” …
Schon Bill Clinton sagte: “It’s the europeans, stupid!” 😉
Thomas Damrau
25. November 2025 @ 17:32
@Helmut
Klar 😉 : Die EU-Granden stellen sich an, als könnten sie sich mit Voodoo am Schulschläger dafür rächen, dass er ihnen das Smartphone abgezogen hat. Und weil das nicht klappt, investieren sie ihr ganzes Taschengeld in immer größere Nadeln.
Das Problem:
— Papa Joe hat den weinenden Europäern noch einen Lutscher zum Trost geschenkt.
— Stiefvater Donald wird wohl eher mit Ohrfeigen arbeiten, wenn ihm das Gezeter auf die Nerven geht.