Sie reden von Bürgerkrieg

Ja, wie unverantwortlich ist das denn? Ausgerechnet die deutschen Anhänger des spanischen Premiers Rajoy warnen jetzt vor einem „Bürgerkrieg“, sollte Katalonien die Unabhängigkeit erklären.

„Die Lage ist sehr, sehr besorgniserregend. Da ist ein Bürgerkrieg vorstellbar, mitten in Europa“ schwadronierte unser Experte für alles, der deutsche EU-Kommissar G. Oettinger (CDU).

Sein Parteifreund Brok, neuerdings Berater von Kommissionschef Juncker, warnt ebenfalls vor einem Bürgerkrieg.  „Konflikte, die fast bürgerkriegsähnlichen Charakter“ haben könnten, stünden ins Haus.

Selten hat man eine solch sinnlose Dramatisierung eines Konflikts gesehen. Er kommt von denselben, die jede Art von Schlichtung durch die EU ausschließen – genau wie Spaniens Regierungschef Rajoy.

Sie haben aber noch etwas gemein: Alle drei gehören der konservativen Parteienfamilie EVP ein, alle drei sind eng mit Juncker und Kanzlerin Merkel befreundet. Es ist das Kartell der Schwarzen.

Und was machen die andern? Die Katalanen beteuern, sie würden keine Gewalt anwenden. Die spanischen  Sozialisten und Podemos fordern eine Vermittlung und Neuwahlen. Sogar Rajoys Amtsvorgänger Aznar will eine Schlichtung.

Die Warnung vor „Bürgerkrieg“ geht also nur von einer Seite aus, der (in Spanien besonders korrupten) Seite der Macht. Offenbar geht dort die Angst um – die Angst vor Kontrollverlust und Neuwahlen…

P.S. Es gab übrigens schon einmal eine Region in Europa, die sich per Bürgerkrieg abgespalten hat: das Kosovo. Damals sprach sich Deutschland (und die CDU) ganz schnell für die Unabhängigkeit aus.

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12 Responses to Sie reden von Bürgerkrieg

  1. Hella-Maria Schier 5. Oktober 2017 at 18:28 #

    Es ist schwer zu verstehen, dass sich auch noch König Felipe ganz hinter das konservativ – faschistoide Lager Rajoys gestellt hat. Er hat die Chance vergeben, diejenigen Katalanen, die keine entschiedenen .Monarchiegegner sind, für sich und damit den spanischen Staat zurückzugewinnen und als König über den Parteien für ganz Spanien, auch für die Katalanen zu stehen. Mich würde mal interessieren, welche Kräfte hier im.Hintergrund wirken. Neoliberal sind sowohl die Seperatisten als auch die PP. Die vernünftigste Position hat in meinen Augen Podemos, die gegen die Abspaltung sind, auf die Interessen Kataloniens aber eingehen wollen. Ein Land kann sehr wohl aus verschiedenen kulturellen Regionen bestehen, das finde ich gerade so reizvoll an Spanien, wenn alle fair behandelt werden. Nicht die kulturellen Unterschiede sind das eigentliche Problem, und sie müssten auch nicht beseitigt werden, was in meinen Augen auch für die europäischen Länder überhaupt gilt. Sie werden nur immer wieder als Vorwand für Macht- und Wirtschaftsintetessen benutzt im Sinne des Teile und Herrsche. Schändlich finde ich Angela Merkels Verbindung mit Rajoy.

    • Peter Nemschak 5. Oktober 2017 at 21:03 #

      Witzig, dass das Links/rechts Schema bei den Postern zu einem Thema hervorgezogen wird, das sich dafür in Wahrheit nicht eignet. Außenstehende sollten sich neutral verhalten. Es ist ein spanisches Problem, das die Spanier lösen müssen. Eine Abspaltung Kataloniens würde zu einem automatischen Ausscheiden aus der EU führen, ein Wiedereintritt vermutlich am Veto Spaniens scheitern. Das Rating Kataloniens nach einem austritt wäre mit dem Ruandas vergleichbar. Allein das hätte die Separatisten von ihrem Vorhaben abhalten müssen. Wie immer sind die Egos von Politikern involviert, welche wirtschaftlichen Schaden der Bürger zugunsten ihrer eigenen Karriere in Kauf nehmen.

      • Matti Illoinen 6. Oktober 2017 at 10:56 #

        Falsch es ist auch ein deutsches Problem. Denn die Ökonomie der Sezession
        also die gezielte Förderung einer exklusiven Kooperation deutscher Unternehmen mit wohlhabenden Regionen in Staaten mit verarmenden Landesteilen hat das Erstarken autonomistisch-sezessionistischer Bewegungen in Westeuropa systematisch begünstigt.

        Dies zeigt eine Analyse der Separatismen in Katalonien, der Lombardei und Flandern. Demnach haben Flandern sowie die Lombardei, zwei ohnehin wirtschaftsstarke Regionen, ihren Abstand zu ärmeren Gebieten in Belgien bzw. in Italien nicht zuletzt dadurch vergrößern können, dass sie für die Expansion der stärksten EU-Wirtschaft, der deutschen, eine wichtige Rolle spielten. Katalonien und die Lombardei haben in einer exklusiven Zusammenarbeit mit dem Bundesland Baden-Württemberg ebenfalls ihren Vorsprung gegenüber ärmeren Gebieten Spaniens und Italiens ausbauen können. Dies hat das Streben der jeweiligen Regionaleliten befeuert, den Mittelabfluss per staatlicher Umverteilung durch größere Autonomie oder gar Sezession zu stoppen. Die Folgen einer gezielten Kooperation nicht mit fremden Staaten, sondern lediglich mit wohlhabenden Regionen sind aus dem ehemaligen Jugoslawien auch bekannt. Und was daraus wurde wissen wir doch noch oder? Quelle Nachdenkseiten

  2. Oudejans 5. Oktober 2017 at 19:24 #

    >>“Es gab übrigens schon einmal eine Region in Europa, die sich per Bürgerkrieg abgespalten hat: das Kosovo.“

    Hier ist es aber eine Region in der EU.

    Muß man sich nicht wundern, daß die powers-that-be es nun so auch wieder nicht gemeint haben wollen, wo sie „Europa der Regionen“ sagten?

    Der National- und Einheitsstaat muß weg, aber so (schnell) nun auch wieder nicht?

    Wir haben doch mit 28 Stück Mitgliedern sehr gute Erfahrungen.

    Ich wünsche den Katalanen weiß Gott keinen Bürgerkrieg, aber gerade lassen infolge katalanischer Kühnheit einige „Europäer“ ihre Masken fallen.

    Das zu beobachtende Handeln, Nichthandeln und Nichtkommentierenwollen weckt Erinnerungen an düstere Allianzen der Vergangenheit und kann der EU weitere Schläge versetzen.

    Aber mit Brok als Juncker-Souffleur könnte Bertelsmann nun stündlich Angela Merkel fallen lassen…

    • Oudejans 5. Oktober 2017 at 19:26 #

      „Europäer“ lautete wohl besser „Wertegemeinschaftler“.

    • Susanne 5. Oktober 2017 at 21:27 #

      Bertelsmann hat jetzt in den talk-shows seine Macron-Flüsterin….und wird Merkel nicht fallen lassen…die ist so schon knetbar…am Ende wird man diese als Schlichterin präsentieren

  3. Peter Nemschak 5. Oktober 2017 at 19:57 #

    Ideologisch links durchsichtig wie ebo stets argumentiert. Bürgerkriegsgefahr besteht im Extremfall natürlich. Solange beide Streitparteien nicht einverstanden sind, kann es keine Vermittlung durch die EU geben. Alles andere wäre politisch dilletantisches Wunschdenken. Die verfassungsrechtliche Situation in Spanien ist eindeutig. Manche von links wollen unter dem Vorwand einer Befriedung den Sturz konservativer Regierungen in der EU und lassen keine Gelegenheit zur Agitation aus. Das ist politisch nachvollziehbar aber unseriös.

    • Oudejans 6. Oktober 2017 at 02:45 #

      Im Grunde verhält sich Rajoy dermaßen dumm, daß auch und gerade Frau Angela ihm jede Sekunde ein unvordenkliches Vertrauen aussprechen müßte.

      • Peter Nemschak 6. Oktober 2017 at 12:25 #

        Was heißt dumm? Als Chef einer Minderheitsregierung würde sich jeder Regierungschef, unabhängig von seiner politischen Ausrichtung, schwer tun mit den Katalanen zu verhandeln. Das wissen die Separatisten und haben den Zeitpunkt für ihr Referendum entsprechend gewählt. Dass die Katalanen in sich uneins sind, kommt Rajoy zu Hilfe. Man wird sehen, ob er diesen Umstand für seine Position zu nützen versteht. Selbst wenn die EU kein Interesse an einem weiteren Kleinstaat in der Gemeinschaft hat, kann sie Rajoy nicht offen unterstützen.

      • ebo 6. Oktober 2017 at 13:10 #

        Das tut sie aber. Dabei stützt sich Rajoy selbst auf Separatisten – aus dem Baskenland

      • Oudejans 6. Oktober 2017 at 14:25 #

        >>“Baskenland“

        Das ist ja der Oberwitz beim Ganzen. Die bomben da seit Jahrzehnten mit so ein paar Forderungen herum und das Resultat ist ebenso dauerhaft-halbgares Fingerhakeln mit Madrid; die Katalanen machen, fast könnte man sagen aus Jux, so ein kleines Referendümchen, und werden postwendend, nein, sogar präemptiv von Madrid mit Staatskrise nobilitiert? Offensichtlich eitern da nicht alte, sondern ganz-alte Konflikte hervor. So dezidiert bipolare Staaten gibt es eigentlich in der EU nur zwei: Italien und eben Spanien. Manchester und Marseille boxen nicht in der gleichen Gewichtsklasse.

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