“Austritt wäre große Dummheit”

Der drohende Austritt Griechenlands aus dem Euro versetzt die Märkte in Panik. Gestern stiegen die Risikaufschläge für Spanien und Italien auf neue gefährliche Höchstwerte. Lange hält die Eurozone diese Turbulenzen nicht mehr aus, die EU plant schon Notverordnungen. Dabei wäre ein “Grexit” gar nicht nötig, meint der belgische Währungsexperte B. Lietaer. Viel sinnvoller wäre es, den Euro zu behalten, und eine Parallelwährung für soziale Zwecke einzuführen.

Sie sind Währungsexperte und haben in den 80er Jahren haben an der Einführung des ECU mitgearbeitet, dem Vorgänger des Euro. Was denken Sie über die Eurokrise, kommt sie für den Fachmann völlig überraschend?

Ich fürchte, sie war absehbar. Denn der Euro wurde zwar technisch gut vorbereitet, doch man hat sich nie wirklich Gedanken über die Gouvernance, also eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, gemacht. Das hat man 30 Jahre schleifen lassen. Eine konventionelle Währung wie der Euro gleicht jedoch einem Kartenhaus. Man braucht eine starke Gouvernance, wenn es nicht zusammenbrechen soll. Das lässt sich nicht mal eben mitten in einer Krise improvisieren.

Immerhin gab es den Stabilitätspakt, der für Disziplin sorgen sollte. Und jetzt will Kanzlerin Merkel den Fiskalpakt einführen.

Merkel kuriert doch nur an den Symptomen herum. Das ist wie eine Aspirin-Tablette gegen Kopfschmerzen. Wenn ich eine ernste Krankheit habe, bringt das gar nichts. 

Heißt das, dass es jetzt schon zu spät ist, ist der Euro dem Tode geweiht?

Das kann derzeit niemand sagen. Es ist gut möglich, dass die Krise auch den Euro selbst erfasst. Bisher ist er ja relativ stabil, er hat gegenüber dem Dollar nur leicht nachgegeben. Doch wenn die Dinge sich beschleunigen und eine Kapitalflucht einsetzt, kann es ganz schnell zu Ende gehen. In Spanien sieht man ja schon erste Anzeichen. Ich hoffe, dass das auch Frau Merkel begreift. 

Das Hauptproblem ist derzeit allerdings Griechenland. Kann es in der Währungsunion bleiben, oder sollte es den Euro aufgeben?

Tja, es sieht tatsächlich so aus, als sei Griechenland die Achillesferse des Eurosystems geworden – was für eine Ironie der Geschichte! Schließlich gilt Griechenland als Wiege der europäischen Kultur. Dort hat sich aber auch der Faschismus am längsten gehalten. Und dann gab es massiven Betrug bei der Einführung des Euro und bei der Budgetpolitik. Doch die Tricks haben die Griechen nicht allein erfunden, sie ließen sich von Goldman Sachs beraten…

 …also müssen die Griechen raus aus dem Euro?

 Aber nein, warum denn? Es wäre sogar eine große Dummheit, den Euro ausgerechnet jetzt zu verlassen! Schließlich ist Griechenland schon seit einiger Zeit zahlungsunfähig. Der Ernstfall hat längst stattgefunden, spätestens mit dem Schuldenschnitt im Frühjahr, trotzdem hat Griechenland immer noch den Euro. Außerdem wollen ihn 80 Prozent der Griechen behalten. Nein, was das Land jetzt braucht, ist eine zweite Währung!

Denken Sie an den „Geuro“, den der Chefvolkswirt der Deutschen Bank Thomas Mayer vorgeschlagen hat? Also eine Art Parallelwährung?

Ja, genau. Mayers Ansatz ist richtig, denn er hat als erster Bankier erkannt, dass es nicht mehr ausreicht, an den Symptomen herumzukurieren. Wir brauchen einen neuen systemischen Ansatz.

Wie könnte der aussehen?

So ähnlich wie Mayers Geuro, aber mit einem entscheidenden Unterschied: Mit der Parallelwährung müssen auch Steuern eingetrieben und bezahlt werden. Denn nur die Steuern verleihen einer Fiat Währung ihren Wert. 

Wie kann man sich das praktisch vorstellen?

Nun, nennen wir die neue Währung CIVIC, das klingt besser als Geuro und deutet an, worum es mir geht. Die griechischen Städte und Gemeinden könnten das Recht erhalten, eine nur in CIVIC bezahlbare Abgabe einzuziehen. Um diese neue Währung zu erhalten, müssten die Bürger sich überlegen, was sie an sinnvollen Arbeiten für die Gemeinde tun können. Neue Bäume pflanzen, arbeitslosen Jugendlichen helfen, Fahrräder reparieren – alles ist möglich. Vereine und andere Nichtregierungsorganisationen könnten nützliche Jobs vorschlagen und die Leute dafür in CIVIC bezahlen. So würde eine soziale Parallelwirtschaft in Gang kommen, die nachfrageorientiert und demokratisch strukturiert wäre.  

Klingt gut, aber was wird dann aus dem Euro?

Der Euro bleibt weiter die Währung für die Zentralregierung und die kommerzielle Wirtschaft. Das griechische Budget würde jedoch um all jene Dinge entlastet, die mit dem CIVIC erledigt werden. Warum sollte man die Hilfe für alte Menschen auf Rhodos für ein Problem der Zentralregierung in Athen opfern? Das ist die entscheidende Frage, der CIVIC würde sie lösen.

Und was passiert mit den Schulden, die im Euro angehäuft wurden? Kann Griechenland sie jemals zurückzahlen, oder wird man gezwungen sein, Konkurs anzumelden?

Mit einer Zwei-Währungs-Strategie wäre Griechenland in einer wesentlich besseren Position, um die Euro-Schulden zurückzuzahlen. Das Land könnte sogar die drohende Zahlungsunfähigkeit vermeiden. Der Grund dafür ist, dass die Zentralregierung weiter Steuern in Euro eintreiben würde. Jene Unternehmen, die im internationalen Handel tätig sind (Schifffahrtsbranche, Tourismus, Import/Export) würden weiter Steuern auf ihre Gewinne in Euro zahlen. Andererseits müsste die Zentralregierung einen Großteil des Budgets nicht mehr in Euro finanzieren. Es handelt sich um jenen Teil, der derzeit Probleme bereitet: Bildung, öffentliche Verwaltung und alle sozialen Hilfsleistungen. Die harten Kürzungen in diesen Bereichen führen dazu, dass das von Brüssel verordnete Austeritätsprogramm zurückgewiesen wird.  

 

Dies ist die Kurzfassung eines Interviews, das ich für die taz geführt habe. Weitere Informationen auf der Website von Bernard Lietaer www.lietaer.com sowie beim Club of Rome (“Money and Sustainability: the Missing Link”, nähere Infos unter www.money-sustainability.net

 

Zu diesem Thema läuft auch noch meine aktuelle Umfrage: “Fliegt Griechenland im Juni aus dem Euro?”

 
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