Aufgelesen: Deutschland scheitert an eigener Doppelmoral

Außenminister Wadephul ist mit seiner Bewerbung um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat gescheitert – gegen die EU-Länder Österreich und Portugal. Woran lag’s?

Von Bernd Müller (telepolis)

Sechsmal hatte sich die Bundesrepublik um einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat beworben, sechsmal war sie gewählt worden. Diese Serie ist vorbei.

Bei der geheimen Abstimmung in der UN-Generalversammlung verfehlte Deutschland die nötige Zweidrittelmehrheit der anwesenden und abstimmenden Mitgliedstaaten – Österreich und Portugal setzten sich durch. Es ist eine Zäsur, die weit über eine verlorene Wahl hinausgeht.

Außenminister Johann Wadephul hatte eine ganze Woche in New York verbracht, Empfänge gegeben, Gespräche im Minutentakt geführt. Wie der Spiegel berichtet, gleicht solche Stimmenwerbung einem “Speeddating” – nur dass am Ende nicht genügend Interesse da war. Das Motto der deutschen Kampagne lautete “Respekt – Gerechtigkeit – Frieden”. Genau daran hat die Welt Berlin gemessen.

Geld allein reicht nicht

Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Beitragszahler im gesamten UN-System. Mehr als 50 Jahre lang galt das als Versicherungspolice für diplomatische Ambitionen.

Wer zahlt, wird gehört. Wer viel zahlt, bekommt seinen Sitz. So lautete die ungeschriebene Regel. Doch das Kalkül geht nicht mehr auf, wenn politische Glaubwürdigkeit fehlt.

Der Politikwissenschaftler Johannes Varwick von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg hatte gegenüber der Deutschen Welle (DW) schon vor der Abstimmung gewarnt: “Es gibt viele strittige Themen.” Er nannte den Israel-Gaza-Konflikt, den Krieg gegen den Iran und den Ukraine-Krieg als Beispiele. Zwar könne am Ende das finanzielle Argument den Ausschlag geben – offenbar tat es das diesmal nicht.

Hinzu kam ein strategisches Versäumnis früherer Bundesregierungen: Österreich hatte seine Kandidatur schon frühzeitig angekündigt, nämlich im Jahr 2011. Portugal folgte schließlich 2013, und Deutschland meldete sich erst 2019 offiziell an.

Völkerrecht à la carte

In der Welt der UN-Diplomatie, wo Stimmen oft über Jahre durch “Gegenseitigkeitsabsprachen” eingesammelt werden, ist das ein gravierender Nachteil. “Warum immer Deutschland, warum immer ein großes Land?” – dieses inoffizielle Argument der kleineren Mitbewerber, das vom Spiegel angeführt wurde, verfing offensichtlich.

Der eigentliche Grund für die Niederlage liegt tiefer. Zahlreiche Staaten – vor allem in Afrika, der arabischen Welt und Lateinamerika – nehmen Berlin eine Außenpolitik übel, die Völkerrecht hochselektiv anwendet.

Wer Russlands Krieg gegen die Ukraine als eklatanten Rechtsbruch verurteilt, aber israelische Militäroperationen in Gaza, im Libanon und gegen den Iran nur mit Zurückhaltung kommentiert, der verliert an Überzeugungskraft.

Weiterlesen hier (telepolis). Siehe auch Berlin scheitert mit deutscher Führung