Wie Precht die Welt sieht (und wie er die EU herausfordert)
Was sagt ein deutscher Philosoph zu Ukraine-Krieg und EU-Krise? Bei einem Diskussionsabend in Brüssel hat R. D Precht sein Weltbild ausgebreitet – es fällt düster aus.
Das geht ja gut los: Erstmal erklärt der Zeitgeist-Philosoph aus Düsseldorf (neues Buch: “Angstzustand”), daß er von der EU keine Ahnung habe. Aber das sei normal für Philosophen. EU-Experten verstünden ja auch nichts von Philosophie.
Dann beginnt er, die Welt zu erklären. Laut Precht erleben wir drei Umbrüche: das Ende der US-Hegemonie und den Beginn der multipolaren Welt; das zweite Maschinenzeitalter mit Internet und KI; und die Nachhaltigkeits-Revolution.
So weit, so bekannt. Selbst die anwesenden EU-Abgeordneten haben keine Einwände. Spannend – und kontrovers – wird es allerdings bei den praktischen Konsequenzen. Denn da begehrt Precht gegen die herrschende Lehre auf.
“Wir ruinieren uns sehenden Auges”
Die EU versuche, die US-Politik von gestern fortzuführen. Dabei mache sie sich zum “nützlichen Idioten Putins”, wenn sie auf jede Drohne mit neuen Waffen reagiere. Mit der Aufrüstung “ruinieren wir uns sehenden Auges”, warnt Precht.
Statt das Geld in Waffen zu stecken, müssten wir uns gegen den amerikanischen “Techno-Feudalismus” verteidigen und die neue industrielle Revolution aktiv gestalten. Doch das traut der Philosoph den Europäern offenbar nicht zu.
Er geht sogar noch einen Schritt weiter und stellt die ketzerische Frage, ob die liberale Demokratie dem neuen Maschinenzeitalter noch angemessen sei. Die Herrschaft der digitalen Oligarchen in den USA sei ja kein Zufall.
“Putin will über Sicherheit reden”
Spätestens da schnallen die Abgeordneten ab. Die einen klammern sich an die alte Ordnung, die anderen wollen EUropa um jeden Preis gegen Putin verteidigen. Dass sie längst verlorene Schlachten schlagen, sehen sie nicht ein.
Und so kommt es zum unvermeidlichen Streit über Russland und die Ukraine. Wieder provoziert Precht mit einer steilen These: Putin wolle über russische Sicherheitsinteressen und eine neue europäische Sicherheitsordnung reden.
Doch das geht CDU und Grünen zu weit. Nur der Gastgeber, Th. Geisel vom BSW, lässt sich auf Prechts Gedankenspiele ein. Der fordert noch eine “KSZE 2.0” – und gibt auf: “Russland ist vermintes Terrain, da kommen wir nicht weiter”.
Zu der Einsicht bin ich auch schon gekommen 😁
Mehr zur Krise der EU hier, zu Büchern über die EU hier

pittiplatsch
12. November 2025 @ 18:25
Der Raucher braucht seinen eigenen Krebs – selbst der des Parners ändert sehr oft nichts. Das bringt mich zur traurigen Einsicht dass sich nur eigenes Leid einbrennt und somit unsere ‘Eliten’ ihren eigenen Krieg brauchen.
Aber Namen sollte man schon notieren, denn danach wird es wieder keine gewesen sein (dieses Mal in Keilschrift…).
Arthur Dent
12. November 2025 @ 14:19
Wann wurde das letzte mal Politik für die “hart arbeitende Mitte” gemacht? Merz wollte die entlasten. Mehr Netto vom Brutto – wer hat davon schon was gemerkt? Die Stromsteuer gesenkt?
Welcher Gast bei Maischberger, Illner, Miosga hat mal einen wirklich originellen Gedanken geäußert? Die Sendungen anzusehen ist verplemperte Lebenszeit.
Genauso nichtssagend ist der Presseclub. Frage an Radio Eriwan: “Industrie in Gefahr – Brauchen wir eine andere Klimapolitik?”
Antwort: Im Prinzip schon – wir dürfen aber nichts ändern, sonst wird alles noch schlimmer. Und mehr fördern durch Zuschüsse. E-Autos, Wärmepumpen, Solaranlagen Wallboxen, einfach alles – der Steuerzahler hat’s ja.
Michael
12. November 2025 @ 18:48
Soll ich Sie etwa verdächtigen den „Lanz“ bewußt ausgelassen zu haben!?
Arthur Dent
12. November 2025 @ 22:18
@Michael
Ich hab bisher leider leider schluchzbuhu alle Lanz- Sendungen verpasst.
🙂
jjkoeln
15. November 2025 @ 12:55
Tja, wenn man die Top1% nicht ein wenig mehr belasten will, wird es eben schwierig. Aber deren Interessenvertretung sitzt ja schon seit zig Jahren in Kanzleramt und Ministerien.
Uli H.
12. November 2025 @ 11:35
Die EU-Großmäuler werden langsam wieder verstummen und der Russe wird auch nicht kommen. Unser Wohlstand war mal einer, wir wurschteln uns irgendwie durch das nächste Jahrzehnt, begleitet von großer sozialer Ungerechtigkeit. Ein bisschen träumen von vergangenen besseren Zeiten, das ist das Einzige was uns vorerst bleibt. Also einfach weitermachen. Das ist meine positive Vision, die schlechte – die erspare ich mir/uns heute.
Monika
12. November 2025 @ 11:31
…verstünden ja auch nichts von Philosophie…
Unsere Eurokraten verstehen außer ihren “Brüsseler Spitzen” sowieso nicht mehr viel. Nach dem Progressiven Gipfel in Kiew wird uns die ukrainische Spielart der Demokratie und Freiheitsverteidigung wohl nicht weniger als Kopf und Kragen kosten. Das Hirn haben unsere Vorsitzenden schon lange zur “Sicherheit” nach Kiew ausgelagert. Dafür darf uns Selenskyj, wie ein mittelalterlicher Bettelmönch, die Hölle der terroristischen Sabotage androhen, falls wir es wagen sollten uns seinem Charisma zu entziehen.
Das Dumme ist nur dass, wie immer in solchen Schachspielen, die Bauern vor Ort absaufen müssen, während der Möchtegernkönig meint, sich zu gegebener Zeit an die schönen Strände verabschieden zu können.
Die Läufer und Pferdchen in Brüssel machen derweil ganz fest ihre Augen zu, damit sie später guten Gewissens sagen können: DAS kam vollkommen unvorhergesehen.
Das Beste aber ist, dass keiner kapieren WILL wer das Schachbrett bespielt. Oh Sugar Daddy…
KK
12. November 2025 @ 12:06
“Die Läufer und Pferdchen in Brüssel…”
Angeführt von einer für ganz EUropa wirklich unsäglich schädlichen “Dame” in Brüssel… leider werde weder ich noch sie selbst das Bild, das die Geschichte zukünftig von diesem Sargnagel der EUropäischen Idee malen wird, sehen können.
european
12. November 2025 @ 09:58
Wenn die Sonne tief steht, werfen sogar Zwerge lange Schatten. Unter diesem Aspekt sehe ich Precht’s Äußerungen. Man ist ja schon für jede Gegenstimme dankbar und sei sie auch noch so dünn.
Zum einen verkürzt Precht jedesmal in seinen Interviews/Podcasts das Land Russland auf Putin, was m.E. unzulässig ist, wenn man sich die Zustimmungsraten ansieht. Wer diese bezweifelt, sollte u.a. Patrik Baab oder Ulrich Heyden zuhören, die die Lage nicht nur von außen, sondern von innen betrachten. Patrik Baab spricht sogar von Unruhen im Land von den Leuten, denen der Krieg zu lange dauert und die gern “den Sack zumachen” würden. Das klingt nicht gemütlich für EUropa.
Deutschland und die EU machen sich tatsächlich zu nützlichen Idioten, aber erst nicht seit gestern, sondern seit ewigen Zeiten, aber ganz besonders nach Beginn des Krieges, der nach wie vor keine europäische Angelegenheit ist, sondern im expansiven Interesse der US-amerikanischen Neocons, die bekanntermaßen in beiden großen Parteien vertreten sind. Für Russland spielen die EUropäer keine Rolle mehr, weder wirtschaftlich noch politisch. Da hilft auch nicht, dass man Webseiten wie z.B. Russia-Briefing verbietet, wo man live verfolgen konnte, wie seit Kriegsbeginn eine Wirtschaftskonferenz nach der anderen stattfand und neue internationale Verträge täglich nur so reingetickert kamen.
Was ich nicht sehe, findet nicht statt? Jemandem die Zähne zu zeigen hilft nur, wenn der andere hinsieht. Russland sieht schon lange nicht mehr hin.
Multipolare Welt, Techno-Feudalismus, Oligarchie – alles richtig aber keine neue Erkenntnis. Was er nicht benennt ist das fehlende ökonomische Modell der EUropäer. Sie haben ihr bisheriges Wirtschaftsmodell aus purer Hybris und Unterwürfigkeit gegenüber den USA selbst in die Tonne getreten und sehen die daraus fast schon zwingende Notwendigkeit auf Kriegswirtschaft umzustellen. Da ist sonst nichts. Die Zahlen insbesondere aus Deutschland, sind mehr als alarmierend, aber auch hier fehlt die saubere Problemanalyse. Man bemüht wie seit Jahrzehnten schon die angeblich überbordende Bürokratie (was teilweise auch stimmt), umschifft aber das selbst geschaffene Energieproblem und die völlig falsche Innen- und Außen-Politik seitens der EU und vieler Länder.
Für Aufrüstung braucht man ein Feindbild und da kommt Russland gerade recht und wird für eigene Zwecke der Macht ohne Kontrolle missbraucht ohne dass seitens der wichtigsten Länder Einspruch erhoben wird. Deutschland und Frankreich sind zu schwach. Merz und Macron machen alles, um bl0ß an der Macht zu bleiben. Italien und Spanien verfolgen mehr und mehr eigene Interessen und verzeichnen dadurch sogar wirtschaftlichen Aufschwung.
Da dümpelt es hin, das leckgeschlagene Schiff EUropa. Kein Sprit, kein Ruder und unter Deck strömt das Wasser rein.
pittiplatsch
12. November 2025 @ 18:46
Frau Flack-Zimmermann hatte vor ihrer Abschiebung nach Brüssel ein mangelndes Feindbild beklagt. In der DDR-Armee entsprach man ihrem Wunsch – der Verlust des Feindbildes war ein Disziplinarvergehen. Die Fratze des Feindes wurde uns Dienstag für Dienstag im Politunterricht eingebläut. Nur wenn man den Gegner als Untermenschen ansieht, kann man alles menschliche beiseite schieben – das wusste schon Medienzar Göbbels.
Michael
12. November 2025 @ 09:09
Kann man die Diskussion irgendwo streamen?
Eric Bonse
12. November 2025 @ 09:11
Vielleicht mal bei der Landesvertretung NRW in Brüssel nachfragen. Ich habe noch nichts gesehen…
https://mbeim.nrw/nrw-bei-der-eu/veranstaltungen-public-events
Michael
12. November 2025 @ 17:17
Dance für den Hinweis. Laut NRW/EU ist streamen nicht möglich? Warum wurde nicht mitgeteilt!? Warum wohl!?
Thomas Damrau
12. November 2025 @ 09:07
Die Medien machen sich gerne über Precht lustig. Wenn ich den Bericht von @ebo lese, verstehe ich mal wieder, warum das so ist: Eigentlich wäre es die Aufgabe der Medien, Thesen, wie Precht sie äußert, durchzudenken. Man muss ja am Ende solchen Thesen nicht zustimmen. Aber die Reaktion von Politik und Medien auf Meinungen, die vom herrschenden Dogma (https://redfirefrog.wordpress.com/2024/03/02/das-glaubensbekenntnis-der-radikalen-mitte/) abweichen, ist lediglich der gekränkte Aufschrei: “Häresie – was waren das für schöne Zeiten, als es noch Scheiterhaufen gab”.
Heute früh habe ich schon Beschwerden über den Maischberger-Talk gestern zugeschickt bekommen: Norbert Röttgen “Rüstung, Rüstung über alles”. Heute früh durfte Karl-Theodor zu Guttenberg einmal wieder das Narrativ von der kaputtgesparten Bundeswehr unters Volk bringen (https://www.deutschlandfunk.de/70-jahre-bundeswehr-und-jetzt-interview-mit-karl-theodor-zu-guttenberg-100.html).
Ich habe mich vor kurzem mal wieder über Lanz aufgeregt (https://redfirefrog.wordpress.com/2025/11/11/streiten-11-inhaltliche-warnzeichen-2/). Vor allem, weil bei Lanz behauptet wurde, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk werde Meinungspluralität angeboten, was angesichts der Machart dieser Episode purer Hohn war.
KK
12. November 2025 @ 12:20
“Häresie – was waren das für schöne Zeiten, als es noch Scheiterhaufen gab”
Hätten die nicht so eine schlechte CO2-Bilanz, wären sie wohl schon wieder eingeführt worden.
hg
12. November 2025 @ 08:48
Precht wird den Kampf gegen die Windmühlen verlieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, es sei denn, das Fressen käme früher vor der Moral.
Erneuerung
12. November 2025 @ 08:44
Mit jedem Tag werden die BRICS stärker und der Wertewesten schwächer, und unsere Granden legen dazu noch den Turbo ein, statt auf die Bremse zu treten. Also muss es wohl so werden, dass unsere Scheineliten in ein paar Jahren vor dem Scherbenhaufen ihrer Sturheit stehen und dann mit einer neuen Zeitenwende, wenn alles verloren ist, eingestehen müssen, dass sie falsch lagen. Wer nicht hören will, muss fühlen.
KK
12. November 2025 @ 12:21
“Wer nicht hören will, muss fühlen.”
Die uns allen das einbrocken, werden ganz sicher am wenigsten “fühlen” – die meissten sicher gar nichts.
Guido B.
12. November 2025 @ 07:04
In Zeiten des kollektiven Niedergangs auf moralischer und wirtschaftlicher Ebene greifen dekadente Eliten mangels Fantasie und Rückgrat auf Feindbilder und Sündenböcke zurück. Hauptsache, man kann mit dem Finger auf den „Bösen“ zeigen und vom eigenen Versagen abkenken.
Autokraten wie Putin und Xi kränken die westlichen Eliten, weil sie einfach nicht
mehr kuschen und das elitäre Herrenmenschentum verspotten.
Trump, Starmer, Merz, Macron, Rutte – alle Clowns, die nix Vernünftiges mehr gebacken kriegen. Von den ukrainischen, baltischen und polnischen Pappnasen ganz zu schweigen.
Darum gehen sie jetzt alle ins Bodybuilding-Studio und pimpen ihre Muskeln. Aufrüstung, Aufrüstung, Aufrüstung! Wenn man nix im Hirn hat, kann man im Spiegel wenigstens noch seine Muskeln bewundern.
Ulla
12. November 2025 @ 09:10
Chapeau….
besser kann man die Charakterisierung dieser Pappnasen nicht beschreiben.
KK
12. November 2025 @ 12:23
“Wenn man nix im Hirn hat, kann man im Spiegel wenigstens noch seine Muskeln bewundern.”
Ja, heute kommt beim SPIEGEL keiner mehr in den Knast, weil sein Inghalt den Mächtigen nicht gefällt 😉