Die Kosten des Sparwahns


Nun hat es also auch die „FAZ“ eingesehen: „Sparprogramm schaden der Konjunktur viel stärker als gedacht“, heißt es auf dem Wirtschaftsblog. Der kluge Kopf aus Frankfurt stützt sich dabei auf eine neue Studie des IWF.

Die IWF-Experten räumen erstmals offen ein, dass es bei ihren Wachstumsprognosen für Krisenländer „Fehler“ gegeben habe, weil die so genannten „Multiplikatoren“ viel höher ausfallen als gedacht. Nach den neuen Berechnungen hätte jeder Euro an Haushaltskonsolidierung  nicht  50 Cent vom BIP gekostet, sondern eher 90 Cent bis 1,70 Euro.

Anders ausgedrückt: die Wirtschaftsleistung schrumpft stärker als der Sparbeitrag, was zu einer höheren Schuldenquote und mehr Arbeitslosigkeit führt. Das hätte man freilich auch früher wissen können, ja müssen, wie der „Herdentrieb“ zu Recht einwendet. Eine vorsichtige Korrektur nahm der IWF ja auch schon letzten Herbst vor (siehe „Der IWF denkt um – Merkel nicht„).

Doch nun haben wir „endlich“ auch die Bestätigung aus der Realwirtschaft. Wie die EU-Kommission heute bekannt gab, hat die Arbeitslosigkeit in Euroland mit 18,8 Millionen Menschen einen neuen Rekord erreicht – im November waren zwei Millionen Menschen mehr ohne Job als vor einem Jahr.

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Besonders schlimm ist der Arbeitsplatzabbau in den Krisenländern – also genau da, wo IWF und EU ihre falschen Rezepte angewandt haben. In Griechenland stieg die Quote binnen eines Jahres um 7,1 Prozentpunkte – ein brutaler Anstieg.

Der deutsche Arbeitsmarkt kam bisher zwar ungeschoren davon, doch immerhin spüren nun die Exporteure die Krise: Nach einem furiosen Jahr brachen die Ausfuhren im November ein, das Wachstum stagnierte. Schuld ist vor allem die fehlende Nachfrage aus den Euro-Krisenländern.

Die falsche Therapie verschärft also nicht nur die Krise, was zu höheren „Rettungs“zahlungen für Griechenland & Co. führt. Sie bremst auch den Kern der Eurozone aus. Deutschland muss deshalb höhere Kosten stemmen als nötig – und es verliert Geschäftschancen.

Höchste Zeit, den einseitigen Sparkurs zu beenden, sollte man meinen. Doch bei einem Treffen in Berlin machten Kanzlerin Merkel und der griechische Premier Samaras gute Miene zum bösen Spiel: das Glas sei halbvoll, sagte Samaras. Griechenland sei auf einem guten Weg, das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen.

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Ach so, es geht um die Märkte, nicht um die reale Wirtschaft…

photo credit: Vectorportal via photopin cc

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7 Responses to Die Kosten des Sparwahns

  1. marty 8. Januar 2013 at 20:01 #

    „All dies lässt sich mittlerweile schwarz auf weiß belegen – wann denken Brüssel und Berlin endlich um?“ (ebo)
    Ja, wann? Dieses quälend lange Warten auf Merkel, Godot & Co. ist wirklich zum Verzweifeln … und womöglich vergeblich.
    In Amerika ist die Lage eindeutig − eine der beiden großen Parteien wurde in den letzten 30 Jahren von Extremisten gekapert, deren Ziel die Zerstörung des Sozialstaats ist. Zu diesem Zweck soll der Staat systematisch ausgehungert werden („starve the beast“). Alles andere (Sorgen ums Defizit etc.) ist nur zynische Fassade (vgl. Krugmans brillante Analyse − http://www.nytimes.com/2012/12/14/opinion/krugman-the-gops-existential-crisis.html )

    In Europa bin ich mir da nicht so sicher. Natürlich kann man Merkel und das Brüsseler Politbüro nur verachten − aber wissen diese armseligen Gestalten wirklich, was sie da tun? Bevor man dies bejaht, sollte man immer an „Hanlons Rasiermesser“ denken („Schreibe nichts der Böswilligkeit zu, was durch Dummheit hinreichend erklärbar ist.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Hanlon’s_Razor ).

    Wenn der EU-Sparwahn auf Vorsatz basiert, können wir natürlich lange auf ein Umdenken warten. Wenn Dummheit die Ursache ist … leider auch. In diesem Fall drängt sich der Erste Weltkrieg als Parallele auf: 1915 konnte jeder halbwegs intelligente Entscheider erkennen, dass das kein „kurzer Spaziergang“ werden würde. Allerspätestens 1916 musste es auch der letzte Idiot kapiert haben. Dennoch wurden Monat für Monat Tausende und Abertausende unschuldige junge Männer sinnlos geopfert − als Kanonenfutter für das „System“ …
    (Und die damaligen Entscheider waren wesentlich gebildeter als die heutigen Polit-Clowns!)

    • Johannes 9. Januar 2013 at 14:58 #

      Natürlich ist die EU in Brüssel voller Idiot, die wollen Euro-Bonds damit die Verantwortung auf die dummen, deutschen Steuerzahler abgewälzt werden. Die Wall-Street freut sich schon, spanische Banken werden gerettet obwohl uns 2008 andere Dinge versprochen wurden. Von den Verträgen zum Euro mit uns Bürgern von 1999 wollen wir erst gar nicht anfangen zu reden. Schulz, Schuldenbaron Barrosso und Co betreiben Lobbyarbeit für die Wall-Street, wie kommt man endlich an das Vermögen der Deutschen. SPD und Grüne helfen gerne, die haben ja auch damals Geschenke an die Finanzbrache verteilt, jetzt wollen sie es wieder tun.

  2. melina 8. Januar 2013 at 21:47 #

    @marty,

    ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es sich bei diesem Sparwahn um Vorsatz
    handelt. Auch wenn ich schier überwältigende Dummheit bei dem oder der einen oder anderen nicht ausschließen würde, hat das Ganze zuviel Methode, um als Produkt einer konzertierten europäischen Dummheit durchzugehen. Auf ein Umdenken und eine konsequente Abkehr von der Austeritäts-Politik wage ich gar nicht zu hoffen. Im Gegenteil befürchte ich, dass es nach den Wahlen im Herbst richtig knüppeldicke kommen wird und dass dann die Katze aus dem Sack gelassen wird.

    Die Vernichtung des europäischen Sozialmodells – oder dessen, was noch davon übrig ist – ist das erklärte Ziel neoliberaler Politik überall dort, wo sie die Herrschaft übernommen hat. Und eher geht ein Kamel durch’s Nadelöhr, als dass ein Neoliberaler von seinem Marktglauben abfällt.

    melina

  3. marty 9. Januar 2013 at 02:42 #

    @melina: Puh, es wird von Tag zu Tag schwerer, Dir in der Frage „Vorsatz versus Dummheit“ zu widersprechen … 🙁
    Andererseits ist diese Frage überwiegend von strafrechtlicher Relevanz (und zur Zeit kann ich mir leider kaum vorstellen, dass Merkel mal Zellen-Nachbarin von Ratko Mladic in Den Haag wird).
    Man muss hier (ausnahmsweise) Schwarzgeld-Kanzler Kohl zustimmen: „Wichtig ist, was hinten rauskommt.“ Und das ist − Vorsatz oder nicht − die Zerstörung (Süd-)Europas und die Vernichtung des europäischen „contrat social“.
    Es ist irgendwie surreal, dass ein Vorgang von derartiger Tragweite hier in Nordeuropa weitestgehend gleichgültig hingenommen wird (zumal der Sozialstaat „hier im Norden“ erfunden wurde!).
    Aber wir kümmern uns natürlich lieber um die Schwangerschaft von „Prinzessin“ Kate oder die sogenannte „Ehe“ der Wulffs …

    Das soll keine Attacke gegen BUNTE-Leser sein − es gibt ernstzunehmende Forschungsergebnisse, die darauf hindeuten, dass die Wichtigkeit eines Themas und das Interesse daran INDIREKT proportional sind (vgl. dazu O. Burkemans Aufsatz im Guardian − http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2013/jan/02/fiscal-cliff-fatigue-oliver-burkeman ). Und es kommt noch schlimmer − das menschliche Gehirn scheint für Geschichten („Narrative“) verkabelt zu sein. Abstrakte Prozesse (Klimawandel, Euro-Krise) können wir nur ganz schlecht verarbeiten (ebd.).
    Europa steht in Flammen, weil die EU-Feuerwehrleute in ihrem Sparwahn ständig Öl ins Feuer gießen. Aber der deutsche Michel hofft einfach, dass der Bier-Preis stabil und der „Malle“-Urlaub erschwinglich bleibt … um den Rest kümmert sich schließlich „Mutti Merkel“.

  4. H.Ewerth 12. Januar 2013 at 11:56 #

    Natürlich wissen „die“ was sie tun. Nur sie versuchen die sog. „Märkte“ vorzuschieben. Man will, nur das sagt man nicht öffentlich: den sog. Sozialstaat in Europa abschaffen. Man will Europa wettbewerbsfähig gegenüber China, Indien und anderen Ländern machen. Weil Europa mittlerweile dank der Globalisierung, mit den weltweiten Märkten konkurriert. Warum sonst sprach Frau Merkel in einem Interview von: „marktkonformer Demokratie“?

  5. Wolfgang Heller 8. April 2013 at 18:34 #

    Was soll das dumme Gerede vom Sparen bzw.Sparwahn?
    Kennt niemand die Definition des Begriffs “ Sparen „?
    Um der Sache gerecht zu werden, ist es wohl sinnvoller, vom Kürzen staatlicher
    Ausgaben zu reden!
    Auch Abbau von Schulden ist dringend geboten, um bei den Gläubigern das Gefühl nicht entstehen zu lassen, sie würden ihr Geld als verloren betrachten dürfen.
    Zypern ist augenscheinlich ein aktuell abschreckendes Beispiel!
    Es wird Zeit, dass die Finanzwirtschaft sich weiterer Kreditierung staatlicher Ausgaben verweigert!

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