Was Merz verschweigt, wie Wadephul zurückrudert – und was Wilders blüht

Die Watchlist EUropa vom 28. Oktober 2025 – Heute mit News und Updates zum Ringen um das Ukraine-Darlehen, zum deutsch-chinesischen Kräftemessen und zur Wahl in den Niederlanden

Die Ampel-Regierung ist über 3 Mrd. Euro für die Ukraine gestolpert und kurz danach gefallen. Nun will Kanzler Merz nicht 3, nicht 30, sondern bis zu 140 Mrd. Euro an die Ukraine geben – ohne darüber zu stürzen. Wie soll das gehen?

Beim EU-Gipfel letzte Woche ging es nicht, denn Belgien stellte sich Merz in den Weg. Der Kanzler habe gemerkt, dass es “doch nicht so leicht” ist, EUropa zu führen, schrieb der “Spiegel”. Das stimmt – trifft aber nicht den Kern.

Des Pudels Kern ist, dass Merz die Lage beschönigen will. Sein “Reparations-Darlehen” ist eine riskante Wette, die mit ihrer trickreichen Konstruktion an die Finanzprodukte in der Finanzkrise erinnert, schreibt W. Münchau.

Falsche Prämissen

Münchau rechnet damit, daß diese Wette platzt, weil Russland keine Reparationen zahlen und die Ukraine den Kredit nicht zurückzahlen wird. Damit hat er wahrscheinlich recht. Die Prämissen stimmen hinten und vorne nicht.

Merz verschweigt aber noch ein paar andere wichtige Dinge.

  • Erstens ist er am Scheitern auf dem EU-Gipfel mit schuld. Denn die Bundesregierung ist offenbar nicht bereit, das in Deutschland stillgelegte russische Vermögen in den riskanten EU-Plan einzubringen. Das ist aber eine zentrale Bedingung – daß alle mitziehen und das Risiko teilen. Weil das nicht passiert ist, hat sich Belgien quergestellt.
  • Zweitens könnte Deutschland seinen Finanzierungs-Anteil erhöhen, um Belgien und andere zu überzeugen. Doch das will Merz auch nicht – denn dann käme er in eine ähnliche Lage wie Scholz. Er müsste erklären, warum Deutschland so viel für die Ukraine zahlt – und das zu einer Zeit, da das “Stadtbild” leidet und das Geld fehlt…
  • Drittens gäbe es eine bessere Alternative. Wenn man sicherstellen will, daß die Ukraine nicht Pleite geht und weiter Krieg führen kann, dann bieten sich Eurobonds, also Gemeinschafts-Anleihen, an. Sie sind längst nicht so riskant und gehören zu den Optionen, die die EU-Kommission prüft. Doch das will Merz nicht; er ist strikt gegen neue EU-Schulden, aka Kriegs-Anleihen…

Unehrliche Debatte

All das verschweigt der Kanzler. Nach dem gescheiterten EU-Gipfel tat er so, als sei das Reparations-Darlehen auf gutem Weg – und alternativlos. Der Grund liegt auf der Hand: Er will nicht wie Scholz enden.

Er will die Ukraine weiter über Wasser halten und gleichzeitig die Kosten des Krieges verschleiern. Er will die EU “führen”, aber den Preis dafür nicht bezahlen – jedenfalls nicht offen. Am Ende könnte er trotzdem scheitern…

Mein Fazit: Die Debatte wird nicht ehrlich geführt – nicht nur in Berlin, sondern auch in Brüssel. Wäre man ehrlich, so müßte man einsehen, daß der Krieg nicht mehr finanzierbar ist. Die logische Schlussfolgerung wäre, ihn so bald wie möglich zu beenden. Doch Deutschland und die EU tun das Gegenteil – sie verlängern den Konflikt und zögern den Offenbarungseid hinaus…

Siehe auch EU stellt Blankoscheck für Kiew aus – Finanzierung nicht gesichert

P.S. Übrigens muß das “Reparationsdarlehen” gar nicht erst platzen, damit ein finanzieller Schaden entsteht. Die deutsch-russische Auslandshandelskammer warnt, daß Russland als Vergeltung für die Nutzung des russischen Vermögens deutsches Anlage-Vermögen in Wert von 100 Mrd. Euro beschlagnahmen und verhökern könnte. Auch dazu schweigt Merz…

News & Updates

Das Letzte

Was Wilders bei der Wahl blüht. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders ist laut einer repräsentativen Umfrage erneut Favorit bei der Wahl in den Niederlanden am Mittwoch. Demnach käme seine Partei für die Freiheit (PVV) auf 34 der 150 Sitze im Parlament. Damit wäre sie genau wie bei der Wahl vor zwei Jahren mit Abstand stärkste Kraft. Dennoch droht Wilders das politische Aus. Denn diesmal will keine andere Partei mit ihm zusammenarbeiten. Stabil hinter der PVV an zweiter und dritter Stelle liegen das rot-grüne Bündnis mit 25 und die Christdemokraten mit 23 Sitzen. Auch der linksliberalen D66 werden Gewinne vorhergesagt. Ob das reicht, um eine Koalition der “Mitte” zu bilden, ist aber unklar. Fast die Hälfte der Wähler weiß noch nicht, wem sie ihre Stimme geben soll…

EU-Korrespondent und Blogger bei Lost in EUrope
Ich arbeite seit 2004 als fest akkreditierter EU-Korrespondent für deutsche Medien in Brüssel. Mehr als 25 Jahre Erfahrung in Europapolitik, deutsch-französischen Beziehungen und Foreign Affairs. Blogge hier seit 2011 🙂
ebo