Selten war der ESC so politisch

Der Bombenhagel auf Israel, der Krieg um Bergkarabach, die Repression in Belarus und der Russland-Ukraine-Konflikt: Selten war der “European Song Contest” so politisch aufgeladen wie diesmal.

Hier eine Liste der Konfliktthemen (aus dem “Standard” in Wien):

  • Armenien zog seine Teilnahme nach dem Krieg um Bergkarabach zurück, Aserbaidschan macht aber mit – mit der umstrittenen Sängerin Efendi, die sich offen zur Invasion in Bergkarabach bekennt.
  • Der belarussische Beitrag wurde wegen zu brutaler Regimetreue und Oppositionsbashing disqualifiziert.
  • Der nordmazedonische Teilnehmer war in seiner Heimat einem Shitstorm mit stark homophoben Tönen ausgesetzt. Vasil hat sich daraufhin geoutet und will LGBTIQ-Botschafter für den Balkan werden.
  • Der Russland-Ukraine-Konflikt ist seit einigen Jahren ständiger Begleiter beim Eurovision Song Contest. Dieses Jahr in Rotterdam findet dieser (noch) nicht statt, obwohl beide im ersten Semifinale antreten werden. Dies wohl auch, weil die Russin Manizha mehr mit Widerstand zu Hause zu tun hatte und keine Angriffsfläche bietet. Ultranational-konservative Kräfte in Russland warfen ihr vor, unrussisch zu sein, und forderten ihre Absetzung als Kandidatin. Manizha ist in der Tat eine überraschende russische Kandidatin. Sie ist gebürtige Tadschikin, floh nach Russland und ist dort mittlerweile eine meinungsstarke Feministin und Anwältin für Menschenrechte, Flüchtlinge und die LGBTIQ-Community Russland.
  • Währenddessen verpackt die ukrainische Gruppe Go_A das nationale Prinzip, das derzeit in der Ukraine kulturell gefordert und gefördert wird, durch Folkloreelemente, die sie aber gekonnt als Rave inszeniert.
  • Die Israelin Eden Alene wurde von den aktuellen Entwicklungen in Israel abgeschirmt. Erstaunlicherweise wurde in ihrer Pressekonferenz die Frage, wie sie es persönlich empfindet, wenn Raketen auf ihre Heimat abgeschossen werden, abgewürgt.

All dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn es an die Abstimmung geht. Ich möchte wetten, dass da manch ein Konflikt auf dem Rücken der Veranstalter ausgetragen wird.

Doch die versuchen, das Spektakel als friedliches und unpolitisches Festival zu verkaufen – als Zeichen der “Völkerverständigung” und der “Wiedergeburt” nach Corona. Wie peinlich und verlogen…

P.S. Musikalisch war dieser Wettbewerb gar nicht so schlecht. Die drei Erstplacierten setzen sich wohltuend vom Mainstream ab und sprechen Italienisch bzw. Französisch…