Paris, Brüssel, Berlin – und nun?

Der Terror ist in Berlin angekommen. Genau wie in Paris, Brüssel und Nizza. Oder doch nicht? Politik und Medien erwecken den Eindruck, als sei in Deutschland alles ganz anders. Warum nur?


[dropcap]M[/dropcap]anchmal ist es merkwürdig, Deutscher zu sein – noch dazu in Brüssel. Als hier im März die Bomben hochgingen, waren die Medien voll vom “Terror in Belgien” und dem “Terrornest Brüssel”.

Auch von einem “Angriff auf die EU” war die Rede. Schließlich hatten die Terroristen eine Metrostation mitten im Europaviertel angegriffen, nur wenige hundert Meter vom Sitz der EU-Kommission entfernt.

Doch nun, da der Irrsinn auch Berlin trifft, ist alles anders. Das Wort Terror wird peinlich vermieden, ein Angriff auf die deutsche Hauptstadt soll es auch nicht gewesen sein. Nur keine Symbolik, bloß keine Wertung!

Es ist, als wollten wir (Deutsche) nicht wahrhaben, dass der Terror nun auch unser Land trifft, als wollten wir die Herausforderung nicht annehmen, sondern in unserer Wohlfühlblase bleiben.

Politik und Medien in Deutschland verweigerten sich der Wahrheit, schreibt FT-Kolumnist: W. Münchau:

The German establishment, and their friends in the media, are in denial that Merkel’s government catastrophically mishandled the refugee crisis (…). And the German police and security services are in denial that they are facing an elevated threat during an election year.

Menschlich ist das verständlich, politisch schon weniger. Denn selbst wenn im nächsten Jahr gewählt wird, dürfen wir uns nicht in Illusionen wiegen. Und schon gar nicht so tun, als wüßten wir alles besser.

Warum ziehen wir denn nicht die Parallelen zum LKW-Angriff in Nizza, warum lernen wir nichts von Charlie Hebdo und Bataclan? Warum muss in Berlin alles anders sein als in Paris oder Brüssel?

Es gab Warnungen zuhauf

Warum ergreift Deutschland erst jetzt die Sicherheitsmaßnahmen, die in Belgien und Frankreich längst üblich sind? Gab es nicht genug Warnungen, sind wir nicht Mitglieder derselben Union?

Doch, sind wir. Und es hat auch mehr als genug Warnungen und Hinweise gegeben. Spätestens seit dem Beginn der Flüchtlingskrise und der offenen deutschen Grenzen kamen sie – zuhauf.

Sie kamen ganz offen aus Paris, verschämt aus Brüssel, verschlüsselt und verheimlicht aus Washington. Unsere besten Freunde haben uns gewarnt – nicht nur die Nationalisten und Rechtspopulisten.

Bloß kein Alleingang!

Deshalb wäre es jetzt auch wichtig, den Terror gemeinsam mit diesen Freunden zu bekämpfen – und keinen deutschen Sonderweg zu suchen, keinen neuen Alleingang zu wagen.

Das muss nicht bedeuten, dass auch wir dem Terror den Krieg erklären und den Notstand ausrufen, wie in Paris. Es muss auch nicht heißen, tagelang alles dicht zu machen, wie in Brüssel.

Doch so zu tun, als habe Berlin mit alldem nichts zu tun, als habe man alles im Griff – trotz offensichtlicher Fahndungspannen – ist auch keine Lösung. Im Gegenteil, es birgt neue Gefahren.

Übrigens auch für Kanzlerin Merkel. Sie muss jetzt um ihre Wiederwahl bangen…

Foto: Stilles Gedenken in der Metrostation Molenbeek, Brüssel. Siehe auch “Der permanente Ausnahmezustand” und den Themen-Schwerpunkt zum Terror in diesem Blog

 
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