Krieg in Gaza: Deutschland hat schon verloren
Deutschland hat die Klage Nicaraguas wegen Beihilfe zu einem Völkermord im Gazastreifen zurückgewiesen. Ein Urteil wurde noch nicht gesprochen – dennoch hat Deutschland schon verloren.
“Diese Vorwürfe entbehren jeder rechtlichen und tatsächlichen Grundlage”, sagte die Leiterin der deutschen Delegation, Tania von Uslar-Gleichen, vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.
Die Bundesrepublik verletze weder die Völkermord-Konvention noch humanitäres Völkerrecht. “Deutschlands Handeln in diesem Konflikt wurzelt fest im internationalen Recht”, sagte die Beauftragte für Völkerrecht im AA.
Das mag man in Berlin so sehen, die deutschen Argumente können auch stichhaltig sein. Dennoch hat Deutschland schon verloren – allein durch die Tatsache, dass es vor dem höchsten UN-Gericht auf der Anklagebank steht.
Das größte EU-Land ist das einzige, dem diese fragwürdige “Ehre” zuteil wird. Das hat es selbst verschuldet – durch massive Waffenlieferungen und die unbedingte Solidarität zu Israel und der rechtsradikalen Regierung Netanjahu.
Während EU-Länder wie Spanien, Irland oder Belgien längst von Netanjahu abgerückt sind, verteidigt Deutschland dessen (Un-)Taten. Kanzler Scholz behauptete noch beim EU-Gipfel im März, Israel halte sich an das Völkerrecht.
Außenministerin Baerbock wies empört den Vorschlag von EU-Chefdiplomat Borrell zurück, das Assoziierungabkommen mit Israel wegen der rücksichtslosen Kriegsführung und der katastrophalen Opferzahlen in Gaza auszusetzen.
Globale Malaise, neue Geopolitik
In der EU führt dies “nur” zu Frust und Unverständnis. Im Rest der Welt jedoch wird Deutschland als Komplize bei einem Völkermord gesehen. Der Prozeß in Den Haag ist nur das letzte Zeichen für eine größere, globale Malaise.
“The world court will rule on Germany’s support for Israel. That shows how geopolitics has changed”, schreibt der “Guardian”. Bisher hätten sich westliche Regierungen sicher sein können, dass sie und ihre Freunde geschützt würden.
Damit ist es nun vorbei. Israel ist nicht mehr vor Kritik und Klagen immun, Deutschland auch nicht. Selbst wenn dies noch keine juristische Niederlage bedeutet – moralisch und geopolitisch ist das Urteil längst gefallen…

Kleopatra
11. April 2024 @ 07:08
Dass Deutschland verklagt wird, liegt daran, dass eine wenig bedeutende Drittwelt-Diktatur Sympathiepunkte sammeln will und dass die nicaraguanische Führung (wahrscheinlich zu recht) meint, in Deutschland sei man für dieses Theater empfänglich. Klagen kann jeder gegen jeden, insofern beweist die Einreichung der Klage zunächst nur, dass die Kläger sich davon einen politischen Vorteil versprechen.
Inhaltlich kann man fragen, ob Israel klug vorgeht, aber dass es nach einem Angriff aus dem Gaza-Streifen, durch den die Hamas bewiesen hat, dass sie die Judenmorde der Nazis am liebsten noch übertreffen möchte, sich entschieden und mit Härte verteidigt, kann man ihm nicht vorwerfen. Und was den Vorwurf des Völkermordes betrifft, so gehört zu dem die Intention, eine Gruppe als solche zu vernichten, und diese Intention sehe ich in diesem Konflikt nur auf der palästinensischen/Hamas-Seite.
Alexander Hort
10. April 2024 @ 09:55
Auch wenn der Zorn mancher Länder über die deutsche Willfährigkeit verständlich ist, so frage ich mich mit einer Mischung aus Sarkasmus und Resignation mittlerweile, ob man Regierungen bzw. Länder, die zu so etwas wie einer kollektiven und institutionellen Unmündigkeit in manchen Fragen neigen, eigentlich rechtlich belangen kann.
Die deutsche Regierung ist offensichtlich unfähig, vitale Interessen des Landes nach außen hin zu vertreten. Sonst wären die Ermittlungen um die Nord-Steam Sabotage sicher nicht so unrühmlich im Sande verlaufen.
Kann man einen solchen Akteur rechtlich verantwortlich machen?
Naja, auf der anderen Seite müsste Deutschland ja dann unter internationale Verwaltung gestellt werden, wegen so etwas wie Schuldunfähigkeit.
Ich glaube, ich warte lieber den Ausgang des Verfahrens ab. Und schaue mir in der Zwischenzeit die Statements von Baerbock und Scholz zu dem Thema an.
Der Kanzler wird sich vielleicht an nichts erinnern können, aber die Außenministerin wird möglicherweise versuchen, es irgendwie zu rechtfertigen. Das könnte interessant werden.
KK
10. April 2024 @ 12:56
“Die deutsche Regierung ist offensichtlich unfähig, vitale Interessen des Landes nach außen hin zu vertreten. Sonst wären die Ermittlungen um die Nord-Steam Sabotage sicher nicht so unrühmlich im Sande verlaufen.”
Ich würde eher auf Unwilligkeit tippen; es ist ja nicht so, dass es ernsthafte Ermittlungen zu NorthStream überhaupt gegeben hätte – denn dann hätte man einen mutmasslichen Täter, der eine solche Tat ja vorher im Beisein des Bundeskanzlers regelrecht angekündigt hatte, zumindest mal vernehmen, also wenigstens den Botschafter einbestellen müssen. Ebenso den polnischen, dessen ehemaliger Aussenminister den USA explizit für diesen Anschlag öffentlich gedankt hatte, welche Erkenntnisse in Polen zur Täterschaft vorliegen.
Nicht davon ist passiert. Und was passiert ist, diente offensichtlich mehr der Beihilfe zur Vertuschung als der Aufklärung – ganz im Sinne der Habeckschen “dienenden” Führungsrolle.
w.nissing
11. April 2024 @ 11:32
Das könnte sie vll verwirren, ich befürchte aber es wird nicht in Ihre Weltsicht Einzug nehmen:
https://thecradle.co/articles/how-israeli-forces-trapped-and-killed-ravers-at-the-nova-festival
w.nissing
11. April 2024 @ 12:49
war an Kleopatra gerichtet, sorry