Aufgelesen: “Das Problem ist nicht die Wettbewerbsfähigkeit”

Die EU muß mehr für die Wettbewerbsfähigkeit tun, fordert Kanzler Merz. Bei einem Sondergipfel hat er seine Forderung bekräftigt. Doch schon die Analyse ist falsch, meint ein früherer Wirtschaftsberater der EU-Kommission.

Von Philippe Legrain, Auszug aus der “Brussels Times

Beginnen wir mit einem wichtigen konzeptionellen Punkt. Wirtschaftsreformen sollten darauf abzielen, die Produktivität zu steigern, nicht die Wettbewerbsfähigkeit.

Europas Exporte sind auf den globalen Märkten wettbewerbsfähig – die EU erzielte im vergangenen Jahr einen hohen Handelsüberschuss. Das Problem ist, dass die Wirtschaft nicht dynamisch genug ist.

Ein höheres Produktivitätswachstum – also mehr Output mit weniger Input – ist unerlässlich, um den Lebensstandard der Europäer nachhaltig zu verbessern. Seit 2000 ist die reale Produktivität pro Arbeitsstunde in der EU jedoch um weniger als 1 % pro Jahr gestiegen. Schlimmer noch, seit 2020 stagniert sie.

Enorme externe Schocks

Warum ist das Produktivitätswachstum nicht nur im Vergleich zur Vergangenheit Europas, sondern auch im Vergleich zur Gegenwart der USA zurückgeblieben?

Ein Grund dafür ist, dass Europa in den letzten Jahren von enormen externen Schocks getroffen wurde: steigende Energiepreise seit dem vollständigen Einmarsch Russlands in die Ukraine, höhere US-Zölle und verstärkter Wettbewerb aus China.

Die Energiepreise für die Industrie sind immer noch um zwei Drittel höher als vor fünf Jahren. Die Exporte in die USA waren im letzten Quartal 2025 um 15 % niedriger als ein Jahr zuvor.

Der Euro ist seit letztem Jahr gegenüber der US-Währung um 15 % und gegenüber der chinesischen Währung um 8 % gestiegen.

Hinzu kommen Chinas massive industrielle Überkapazitäten und seine technologische Überlegenheit bei Elektroautos, Solarzellen und anderen sauberen Technologien – kein Wunder also, dass die europäische Fertigungsindustrie zu kämpfen hat.

Siehe auch De Wevers Warnung und die blinden Flecken der EU-Politik