So rechnet Gentiloni den Corona-Schock schön

Es ist ein Schock: Wegen der Coronakrise rechnet die EU-Kommission mit der schlimmsten aller Zeiten. Die Wirtschaft soll um 7,4 % einbrechen, mehr als in der Finanzkrise. Doch selbst das könnte noch zu optimistisch sein.

Wirtschaftskommissar Gentiloni stützt seine Schätzung nämlich auf das rosigste Szenario, das die Experten der EU-Kommission erdenken konnten. Es geht von sehr wohlwollenden Annahmen aus. Zitat aus der Frühjahrsprognose:

The most important assumptions for the spring forecast baseline are the following: (1) Having peaked in April, the number of new COVID-19 infections in Europe (Graph I.1.15) remains under control after the containment measures are loosened; (2) strict lockdowns are gradually lifted in the coming months, only targeted containment measures with a relatively minor economic impact will remain in place in the second half of this year; (3) policy measures are effective in protecting the economic tissue. Widespread bankruptcies and mass unemployment as well as a financial crisis are avoided.

EU Commission

Zu gut deutsch: Die Pandemie ebbt ab und bleibt unter Kontrolle, die Lockdowns werden nach und nach aufgehoben, und die EU einigt sich auf neue wirtschaftspolitische Maßnahmen (“policy measures”), die den Schock auffangen und die Wirtschaft ankurbeln.

Das Problem ist, dass die “policy measures” gerade verschoben worden sind – weil sich die EU-Staaten eben nicht über die wirtschaftspolitische Antwort einig werden. Die EU-Kommission will ihren Entwurf nun erst in ein oder zwei Wochen vorlegen.

Zudem blendet das rosige “baseline scenario” eine mögliche zweite Corona-Welle im Herbst ebenso aus wie erwartbare Spannungen an den Finanzmärkten, die Italien oder zusetzen könnten. Anders gesagt: Gentiloni rechnet sich den Schock schön.

Das ist angesichts der katastrophalen Lage verständlich – wir brauchen alle gerade eine Extraportion Optimismus. Doch man sollte dies im Hinterkopf behalten, wenn es um eine realistische Einordnung und um die nächsten Entscheidungen geht…

Siehe auch “Mit Rechentricks in die Rezession”