Coronakrise: Wo Spahn Recht hat

Sind die Corona-Fälle im vergangenen Sommer wegen Reisen in die Türkei und auf den Balkan angestiegen? Das behauptet Gesundheitsminister Spahn – und erntet einen Shitstorm. Dabei hat der CDU-Politiker Recht – teilweise.

„Es ist ein Skandal, dass ein deutscher Minister den Balkan öffentlich anprangert und damit auch Menschen mit Migrationshintergrund abwertet“, sagte Albaniens Ministerpräsident Rama.

Kritik äußerte auch der stellvertretende Vorsitzende der Türkischen Gemeinde, Serhat Ulusoy. Der Gesundheitsminister stelle „ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht“ und öffne damit „Stigmatisierungen Tür und Tor“.

Die Empörung ist verständlich. Schließlich ist Wahlkampf – und Spahn will offensichtlich von eigenen Fehlern und Versäumnissen ablenken, die durchaus einen Rücktritt wert wären.

Doch in einem Punkt hat er Recht: Die RKI-Statistik wies im vergangenen Sommer tatsächlich besonders viele Corona-Fälle bei Reisenden in die Türkei, ins Kosovo und andere Balkanländern aus.

Wir haben auch darüber berichtet, zum Beispiel hier. Trotz steigender Infektionszahlen, so schrieben wir im August 2020, machte die Bundesregierung Urlaubsreisen in die Türkei möglich.

Kurz darauf, am 11. August, veröffentlichte das RKI eine Statistik über die “Infektionsländer”. Ganz oben auf der Liste standen die Türkei, Kosovo und Kroatien – allerdings weit hinter Deutschland.

“Der Anteil der Fälle mit Expositionsort im Ausland hat in den letzten Wochen deutlich zugenommen”, hieß es damals beim RKI. So gesehen, hat Spahn durchaus Recht mit seinem Hinweis.

Allerdings muß er sich an die eigene Nase fassen. Denn es war ja eben die Bundesregierung, die Reisen in die Türkei erleichtert hat – entgegen den Absprachen in der EU.

Und es ist sein Ministerium, das – zusammen mit dem AA und dem RKI – die Reisewarnungen herausgibt. Spahn hätte also schon damals Alarm schlagen müssen – statt Monate später einen Sündenbock zu suchen…