Coronakrise: Auf Kosten der Gesellschaft

So einen 1. Mai hat Europa noch nicht gesehen: Am Tag der Arbeit fanden die Kundgebungen im Internet statt. Und die EU hat ihre sozialpolitischen Projekte zurückgestellt. Der Kampf gegen COVID-19 geht auf Kosten der Gesellschaft.

“Rettet das Gesundheitswesen” – das war der Schlachtruf nach dem Ausbruch der Pandemie. Um den drohenden Zusammenbruch der Krankenversorgung abzuwenden, wurde das soziale Leben fast vollständig heruntergefahren: Lockdown!

“Rettet die Wirtschaft”, heißt es nun. Um den drohenden Zusammenbruch der Unternehmen zu verhindern, dürfen die meisten Betriebe wieder öffnen. Nur die für das soziale Leben wichtigen Orte wie Restaurants, Kinos und Theater bleiben zu.

Auch die Öffnung von Kitas, Schulen und Universitäten wird auf die lange Bank geschoben. Im Grunde genommen ist es das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Leben, das dem Kampf gegen die Pandemie geopfert wird.

In Belgien führt dies zu Protesten – denn die Regierung sperrt zwar die Läden wieder auf, verbietet aber (größeren) Familienbesuch. „Zuerst werden wir unseren Chef sehen, erst später die Familie“, so bringen es Kritiker auf den Punkt.

In Deutschland ist es nicht viel anders, auch dort geht Kommerz vor Sozialleben. Erst wurden die Baumärkte geöffnet, die Kirchen und Kinos mussten warten. Allerdings scheint es dort nicht so viele Menschen zu stören.

Oder täusche ich mich? Ist da doch ein größeres Unbehagen? Wird “Gesellschaft” gerade neu definiert? Erleben wir eine Umwertung der Werte, verschwindet das Soziale im Digitalen?

Erste Anzeichen dafür gibt es schon. So wird das Kontaktverbot zu “Solidarität” umdefiniert. Sogar die Kirchen machen da mit. Und Konzerte finden im Internet statt – genau wie der 1. Mai. Das finden selbst die Gewerkschaften okay.

Doch die Menschen leiden, die Stimmung kippt. Wir sind eben soziale Wesen und brauchen den direkten Austausch. Irgendwann wird es sich rächen, dass der Kampf gegen das Coronavirus auf Kosten der Gesellschaft geführt wird….

Siehe auch “Coronakrise: Die Stimmung kippt”

P.S. Von der EU ist übrigens kaum Abhilfe zu erwarten. Für Gesellschaft und Kultur ist sie von jeher blind. Die EU-Kommission bekennt sich zwar verbal zu Arbeitnehmerrechten. Doch sozialpolitische Projekte wie der harmonisierten Mindestlohn wurden zurückgestellt – natürlich wg. COVID-19…