Brüssel redet Bahn schön, Anklage gegen Reynders – und eine fatale Frage
Die Watchlist EUropa vom 06. November 2025 – Heute mit News und Updates zur europäischen Verkehrspolitik, zu Affären in der EU-Kommission und im Europaparlament und zu den Grenzen der Pressefreiheit in Brüssel.
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Alle reden über die Bahn, nur Brüssel nicht: Trotz der ungelösten Probleme im deutschen Fernverkehr verspricht die EU-Kommission schnellere und günstigere Zugverbindungen zwischen den europäischen Metropolen. Ausgerechnet Deutschland soll davon am meisten profitieren. Dabei ist die deutsche Bahn mittlerweile in ganz EUropa in Verruf geraten, weil sie chronisch unpünktlich ist und Züge nach Belgien, Frankreich und die Schweiz ausbremst.
Doch von solchen lästigen Details lässt sich die EU-Kommission nicht beirren. Dank eines neuen Aktionsplans für Hochgeschwindigkeitszüge sollen sich die Fahrzeiten in Zukunft deutlich verkürzen. Einige Beispiele:
- Berlin–Kopenhagen: 4 statt 7 Stunden
- Berlin–Wien (über Prag): 4,5 statt mehr als 8 Stunden
- München–Rom: 6 statt 9,5 Stunden.
„Mit schnelleren, besser vernetzten Bahnstrecken und klimafreundlichen Kraftstoffen machen wir Europas Verkehrssystem sauberer, widerstandsfähiger und erschwinglicher”, wirbt Verkehrskommissar Tzitzikostas für seinen Plan, der ca. 550 Mrd. Euro kosten soll.
Im Bummelzug nach Brüssel
Wie dieses Wunder auf dem maroden Schienennetz der Bahn möglich werden soll, verrät der eifrige Grieche leider nicht. Bisher klappt ja nicht einmal die Schnellverbindung Köln-Brüssel-London bzw. Amsterdam.
Dort bleiben regelmäßig EU-Abgeordnete und sogar deutsche Minister hängen, weil der ICE zu spät kommt oder liegenbleibt. Bis in die Brüsseler Behörde hat sich dies offenbar noch nicht herumgesprochen!?
Daß es auch anders geht, zeigt unser Nachbar Frankreich. Dort reist man seit 20 Jahren mit über 300 km/h von Paris nach Straßburg. Dort fährt auch kein deutscher Bummelzug nach Brüssel, sondern ein TGV…
Mein Fazit: Brüssel redet die (deutsche) Bahn schön. Statt die real existierenden Problem anzugehen, schmiedet die EU-Kommisssion – ähnlich wie in der Klimapolitik – schöne Pläne, von denen niemand weiß, ob und wie sie umgesetzt werden. Neu ist das übrigens nicht: Schon 1994 hat die EU 14 Prioritätsprojekte für die Schiene definiert. Die Bilanz sieht ernüchternd aus, klagt der CSU-Europaabgeordnete M. Ferber: Lediglich drei Projekte seien 30 Jahre später vollständig umgesetzt worden…
P. S. Frankreich hat gerade 30 hochmoderne Regionalbahnen für den grenzüberschreitenden Verkehr angeschafft. Doch ausgerechnet in Deutschland dürfen sie nicht fahren, weil eine deutsche Norm geändert wurde. So sieht es wirklich aus in EUropa…
News & Updates
Anklage gegen Ex-Kommissar Reynders: Gegen den früheren EU-Justizkommissar Reynders ist in Belgien Anklage wegen Geldwäsche und einer oder mehreren weiteren möglichen Straftaten erhoben worden. Der 67-Jährige soll in Lotto-Annahmestellen „E-Tickets“ – Gutscheine im Wert von 1 bis 100 Euro – gekauft haben, die auf ein bei der belgischen Nationallotterie geführtes Spielkonto überwiesen werden können. Dies habe der Geldwäsche gedient, vermutet die belgische Justiz. – Besonders pikant: Bis 2024 war Reynders als Justizkommissar im Kabinett von Behördenchefin von der Leyen tätig. Doch seine Chefin will nichts gemerkt haben. Auch heute gibt sich die EU-Kommission ahnungslos: „Sollten sich die belgischen Behörden an uns wenden, werden wir selbstverständlich mit ihnen zusammenarbeiten“ – mehr könne man nicht sagen…
Vetternwirtschaft bei EVP-Chef Weber? Der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, der CSU-Politiker Weber, plant offenbar, seinen engsten Vertrauten auf einen gut dotierten Posten im EU-Parlament zu heben. Das berichten laut “Euractiv” drei mit dem Vorgang vertraute Personen. Demnach soll Udo Zolleis, ein bayerischer Politikberater und langjähriger Spin-Doktor Webers, Favorit für eine Direktorenstelle im Forschungsdienst des EP sein. – Die neue Direktorenstelle für „Wissenschaft, Forschung und Zukunftsfragen“ wurde am 20. Oktober neu geschaffen – Zufälle gibt’s…
Umweltminister weichen Klimaziel auf. Die EU-Umweltminister haben einen ganzen Tag und eine Nacht beraten – und am Ende beschlossen, das von der EU-Kommission vorgegebene Klimaziel von 90 Prozent CO2-Einsparung bis 2040 zumindest nominell einzuhalten. De facto wird es aber aufgeweicht. Denn bis zu 5 Prozent der einzusparenden Emissionen sollen ins nichteuropäische Ausland verlagert werden. Außerdem gibt es Revisionsklauseln, mit denen die Ambition weiter gesenkt werden kann. – Mehr im Blog
Das Letzte
Eine fatale Frage im Presseraum der EU-Kommission. “Wenn Russland für den Wiederaufbau der Ukraine bezahlen muss, muss Israel dann dasselbe für Gaza tun?” Das fragt der Journalist Gabriele Nunziati, Brüsseler Korrespondent der italienischen Agentur Nova, am 13. Oktober im Pressesaal der EU-Kommission. Die Chefsprecherin nennt die Frage “interessant”, bleibt aber eine Antwort schuldig. Das Video des Schlagabtauschs geht auf “X” und anderen sozialen Medien viral. Endlich stellt einmal ein Journalist die Doppelmoral der EU infrage, kommentieren viele User. Doch wenige Tage später wird der Journalist gefeuert – seine Frage war wohl nicht politisch korrekt. In Italien sorgt dies nun für helle Aufregung, in Brüssel spielt man den Fall herunter: Nein, man habe Nunziati nicht angeschwärzt, erklärt die EU-Kommission. Selbstverständlich dürfe man jede Frage stellen, schließlich verteidige die EU ja die Pressefreiheit…
- Merz bietet Trump einen Deal an – auf Kosten EUropas - 9. Dezember 2025
- Trump, Le Pen und Reichinnek führen EUropa – seriously? - 9. Dezember 2025
- Korruption in der Ukraine: “EU wußte von den Problemen” - 9. Dezember 2025
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Monika
6. November 2025 @ 18:14
550 Milliarden sind ein stolzer Preis… sind das dann Züge, die als “militärtauglich” gelten (und damit aus dem Rüstungsetat finanziert werden könnten) oder geht das “extra”?
Wenn extra: Wie und aus welchem “Topf” könnte die Finanzierung entnommen werden? Oder handelt es sich um den Geisterzug einer Luftnummer…
Helmut Hoeft
6. November 2025 @ 11:25
Zum ÖPV. Naja, es ist ärgerlich, zugegeben, aber warum? Weil den Leuten einerseits zuviel versprochen wurde/wird andererseits weil die Ansprüche (zu?) hoch sind. Wer erinnert sich noch an: “Vorang Bahn!” (Leber-Plan, 1969), “Alle reden vom Wetter. Wir nicht.” (1966) und ” Wir wollen, daß Sie erholt ankommen.” (1974)
Gut, die Menschen haben’s heute auch schwerer: Mehr Autos & LKWs auf der Straße als Verkehrsfläche = Stau, da kommt dann auch der Flix-Buss nicht durch. Und wenn Bus oder Bahn nicht kommen? Damals: Dann kommen ‘se halt nicht! Heute ist das ein großes Problem: “Wo und gegen wen muss ich jetzt meine Ansprüche geltend machen? Zahlt meine Rechtschutz? Brauch’ ich ‘n Fachanwalt?” Alles schwierig!
PS.: Dass es geht siehe Schweiz – vor zwei Wochen: Bis Basel Chaos, ab Basel pünklicher als die Uhr 😉 – Bahn, Straßenbahn, der Postbus, Bergbahn. Tzja man muss das halt wollen und die Voraussetzungen schaffen!
european
6. November 2025 @ 06:58
Gerade erlebt. Eine Bahnfahrt, ca. 300 km, zwei Teilstrecken, die zweite hat zunächst Verspätung und fällt dann komplett aus. Zugbindung wird aufgehoben, die Fahrgäste müssen sehen, wie sie weiterkommen.
Die Zukunft der Bahn liegt seit Jahrzehnten im Rückbau. Deutschland funktioniert nicht mehr. Auf ganz vielen Ebenen.
ebo
6. November 2025 @ 11:40
Noch nie waren die Fernzüge so unpünktlich wie im Oktober, meldet die “SZ”. Jetzt müssten drastische Schritte her…