Aufgelesen: Zinserhöhung in der Rezession – das ist verrückt

Die europäische Wirtschaft steckt in der Flaute, die deutsche Industrie in der Rezession. Dennoch hat die EZB ihre Zinsen erhöht. Wer verstehen will, warum Europa wirtschaftlich nicht vorankommt, sollte sich diese Entscheidung genauer ansehen.

Von Heiner Flassbeck*

In dieser Woche wird es wohl endgültig bewiesen: Die Europäer sind verrückt. Die Amerikaner dagegen, obwohl allgemein für verrückt gehalten, lassen in Sachen wirtschaftlicher Vernunft die Europäer endgültig hinter sich. Am Donnerstag trifft sich der Rat der EZB und wird, wenn nicht alle Auguren falsch liegen, die Zinsen erhöhen – obwohl die europäische Wirtschaft am Boden liegt. In den USA, die immer noch kräftiges Wachstum, Vollbeschäftigung und steigende Erwerbstätigkeit verzeichnen, drängt dagegen der Präsident die Notenbank, die Zinsen zu senken. 

Für die deutsche Wirtschaft, immerhin die größte in Europa, hat es in dieser Woche erneut extrem ernüchternde Zahlen gegeben. Die Auftragseingänge in der Industrie verharren weiter auf Rezessionsniveau. Die Abbildung 1 zeigt, dass die Auftragseingänge ohne Großaufträge im April erneut gesunken sind, nachdem es für zwei Monate etwas besser aussah. Diese Abbildung zeigt auch, woran es der deutschen Wirtschaft schon seit 2017 durchweg fehlt: An Nachfrage! 

Deutsche Rezession seit 2017

Zieht man einen Strich durch die Corona-Zeit, der die beiden Spitzen oben und unten abschneidet, kann man nicht übersehen, dass der abwärtsgerichtete Trend, der schon 2017 begann, sich nunmehr auf einer Tiefebene gefangen hat, die fast 15 Prozent unter dem Niveau von 2017 liegt. Das ist ein eklatanter und anhaltender Nachfragemangel, den man mit den allseits angestrebten „Reformen“ nur verschlimmern, aber niemals beheben kann.

(…)

Wer einer Wirtschaft mit dieser Konstitution eine Zinserhöhung zumutet, kann – ich muss es so krass sagen – nicht ganz bei Trost sein. Doch genau das muss man leider bei einer großen Zahl von Mitgliedern des EZB-Rates konstatieren. Man hat sich in einer Analyse festgefressen, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Einige Ratsmitglieder, die beiden Deutschen Nagel und Schnabel leider ganz vorneweg dabei, sind geradezu besessen von der Idee, die EZB könnte erneut eine „Inflation“ verpassen. Doch das ist diesmal noch abwegiger als 2022 und 2023, als es ebenfalls externe Schocks gab, die niemand in Europa zu verantworten hatte. Folglich kann eine Restriktion durch die EZB nur Schaden anrichten, ohne das sie etwas an den externen Schocks zu ändern vermöchte.

*Makroskop, Fortsetzung hier