Aufgelesen: Neue Militärdoktrin in Russland – und in den USA (2/2)
Der Ukraine-Konflikt ist zum Stellvertreterkrieg zwischen den USA (und der Nato) mit Russland geworden. Daraus ziehen die beiden Großmächte nun Konsequenzen: Sie passen ihre Militärdoktrin an. Zwei aktuelle Texte geben Grund zu Sorge, auch für EUropa.
Hier nun der Text zu den USA. Er stammt von Arno Gottschalk und wurde im “Blog der Republik” veröffentlicht. Die Kernthese: Die USA setzen auf Sieg gegen Russland, doch in EUropa wird über dieses gefährliche Ziel und seine Folgen kaum diskutiert.
Die US Army denkt Krieg neu. Was sich hinter dem Begriff „Multi-Domain Operations“ (MDO) verbirgt, ist nicht bloß ein weiteres Modernisierungsprogramm, sondern ein radikaler strategischer Paradigmenwechsel. Ziel ist nicht mehr, Konflikte zu begrenzen oder abzuschrecken – sondern sie zu dominieren. Und zwar schnell, global und notfalls im Alleingang. Das offizielle Ziel: Siegfähigkeit gegen gleichrangige Gegner wie Russland oder China.
Die neue US-Doktrin setzt auf „Entscheidungsdominanz“ – durch Informationsüberlegenheit, Technologieführerschaft und eine militärische Präsenz, die alle Räume umfasst: Land, Luft, See, Weltraum, Cyber, Elektrospektrum – und den Kopf des Gegners. Die US Army will jederzeit zuschlagen können, mit maximaler Wirkung und minimaler Reaktionszeit. Wer zuerst wirkt, gewinnt.
(…)
Fünf spezialisierte Einheiten – sogenannte Multi-Domain Task Forces – sollen die Umsetzung sichern. Ihre Stationierungsorte sind kein Zufall: Pazifik, Arktis, Nahost, Alaska – und Europa, konkret: Deutschland, wo die MDTF bereits stationiert ist. Ihre Schlagkraft basiert auf präzisen Langstreckenwaffen mit über 1.000 Kilometern Reichweite. Sie zielen auf gegnerische Führungszentren, Luftverteidigung und Logistik – tief im Hinterland. Ihr Auftrag: in den ersten Schlachten die Initiative gewinnen und den Gegner handlungsunfähig machen.
Das ist mehr als militärische Aufrüstung. Es ist die strategische Absage an jede Form defensiver Zurückhaltung. Die Übergänge von Frieden zu Krieg werden entgrenzt. Ständige Einsatzbereitschaft wird zur Norm. Wer nicht bereit ist, sofort zu wirken, riskiert, ausgeschaltet zu werden, bevor er überhaupt reagieren kann.
Europas Schlüsselfrage
Die Risiken dieser Strategie sind evident – und dramatisch:
- Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit eines präventiven Erstschlags, weil jeder das Gefühl hat, schneller sein zu müssen.
- Sie etabliert eine Daueranspannung, in der militärisches Denken politische Entscheidungsprozesse ersetzt.
- Und sie droht, durch die gezielte Bespielung des Informationsraums demokratische Öffentlichkeit selbst zur Zielscheibe militärischer Logik zu machen.
In den USA wird das offen diskutiert. In Europa kaum. Dabei ist die Frage von größter Tragweite: Wollen wir unsere Sicherheit auf einem Konzept stützen, das auf Vorwärtsdominanz, Automatisierung und globale Eingriffsbereitschaft setzt – oder brauchen wir ein eigenes sicherheitspolitisches Leitbild, das Stabilisierung, Begrenzung und demokratische Kontrolle ins Zentrum rückt?
Der Zeitpunkt, darüber offen zu streiten, ist jetzt. Denn was heute als Fähigkeit geplant wird, kann morgen politische Realität sein. Wer sich nicht positioniert, wird Teil einer Strategie, die er nicht mitgestaltet hat.
Der ungekürzte Originaltext steht hier

KK
24. Juli 2025 @ 13:03
“Der Zeitpunkt, darüber offen zu streiten, ist jetzt.”
Wo soll das stattfinden? Die sog. Qualitätspresse, der ÖRR und die Parlöamente fallen wegen Kriegsbesoffenheit aus!
Rantanplan
24. Juli 2025 @ 05:26
Das ist nichts neues. Das sind die gleichen Denkweisen wie in den 60ern und 70ern des letzten Jahrhunderts. Weltweite Dominanz um jeden Preis und wenn dafür der Planet mehrfach in die Luft gesprengt werden muss.
Diese Leute sind geistig/emotional schwerstbehindert.
Blöd nur, dass damals der kollektive Westen 80% der weltweiten Wirtschaftskraft hatte (USA ca. 50%) und der Rest der Welt 20%.
Heute ist der Westen auf 30% runter und allein die BRICS haben den Westen wirtschaftlich überholt.
Arthur Dent
23. Juli 2025 @ 16:05
Full Spectrum Dominance – genauso wirksam, aber viel kostengünstiger soll ja das Baden in Drachenblut sein.
🙂
“Globale Einsatzbereitschaft”, gelebte Kriegstüchtigkeit mit Herzblut – da sind “Pistolius und KopfschMerz” sicher ganz aus dem Häuschen
hg
24. Juli 2025 @ 09:11
Ziel, “Die einzige Weltmacht”, Z. Brczinski
european
23. Juli 2025 @ 14:25
Bei der Gleichrangigkeit mit Russland und China waere ich vorsichtig. Das koennte uebermaessig ambitioniert sein und uns auf die Fuesse fallen. Russland’s hypersonic weapons haben eine Reichweite von 2000 km. Die schaffen es auch bis Alaska.
Zudem sollte man sich einmal die neuen Zuege in China ansehen, hier eine Magnetschwebebahn, Geschwindigkeit bis zu 600 Stundenkilometer, Strecke Beijing–Shanghai: 1.318 km – früher in 4,5 Stunden, jetzt mit 600 km/h in nur 2,5.
https://youtu.be/7GfeRrPOt1U?feature=shared
Eigentlich mal deutsche Technik, aber wir wollten irgendwie nicht und schon damals wurde geunkt, dass die Chinesen das bauen werden. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die USA mit ihren Streichhoelzern fuer die Stromleitungen solche Zuege bauen.
Aber Ursula von der Leyen wird auch diesen Vorsprung der Chinesen durch das 18. Sanktionspaket, durch Zensur und Verbote zu verhindern wissen. Was wir nicht wissen, passiert nicht.
Und in der Zwischenzeit fahren wir Bahn, wenn sie denn faehrt. 😀
Monika
23. Juli 2025 @ 22:09
wir wollten irgendwie nicht und schon damals wurde geunkt, dass die Chinesen das bauen werden…
Wollen täten wir schon, wenn wir könnten… allein uns fehlt weder der Glaube noch das Wissen, uns fehlen die notwendigen Dimensionen der Strecken…
Ganz böse gedacht; da bräuchte es die Weiten des Lebensraum im Osten.
Jetzt ists zu spät unseren Erfindergeist praktisch zu erproben! Jetzt haben die Russen und Chinesen das selber technisch umzusetzen gelernt.
Helmut Höft
24. Juli 2025 @ 09:36
… abgesehen davon, dass es unökonomisch ist, in der dichtesten Atmosphäre – am Boden – mit hoher Geschwindigkeit zu fahren. Eigenerfahrung: Schneller auf der AB kostet mehr Sprit als mit 120 auf der AB gleiten.
european
25. Juli 2025 @ 09:34
Da haben Sie Recht. Es sollte eine Teststrecke mitten durch das Ruhrgebiet gebaut werden, wenn ich es richtig erinnere. Da hat sich natuerlich jeder nach dem Sinn gefragt. Es haette sicherlich sinnvollere Strecken gegeben, eine Nord-Sued Verbindung oder sogar mit anliegenden Laendern.
Aber man hat sich auch davon erhofft, diese Technologie weiter auszubauen, zu patentieren, und spaeter auch zu verkaufen. So habe ich das zumindest in Erinnerung.
Wenn ich mir diese chinesischen Zuege ansehe, dann wirken sie fuer uns wie eine unerreichbare Dimension, insbesondere, wenn man das mit dem augenblicklichen Zustand der deutschen Bahn vergleicht. Unsere Zauberwoerter heissen Rueckbau, Rueckentwicklung, Einschraenkung, Sparen uvm.
Als der beste Ehemann von allen Ende der 80er Ingenieurwesen studierte, war er in unserem Bekanntenkreis der einzige. Er fing mit 25 Mitstreitern an und das Ziel erreicht haben nur wenige. Die BWLer hatten uebernommen und es herrschte die Meinung, dass man Ingenieure nicht braucht. Der Schwerpunkt lag und liegt immer noch im Management. Ingenieure kann man bei Bedarf mal einkaufen und das war es dann auch. Woher eigentlich einkaufen und von wem?
Man wollte sich keine Gedanken darueber machen, woher denn der technologische Fortschritt kommen sollte. Wozu auch. Das wird dann auch gemanaged. 😉
Das Ergebnis sehen wir heute. Wie lange reden wir schon von dem hohen Bedarf an Speichertechnologie? Wir investieren Milliarden in die Ruestung wissen aber immer noch nicht, wie wir den aus erneuerbaren Energien erzeugten Strom sinnvoll speichern koennen.
Das wird dann auch gemanaged.
Man darf daraus schliessen, dass wir nicht erst seit gestern auf dem falschen Dampfer unterwegs sind. Emmanuel Todd hat diesbezueglich Statistiken untersucht und sagt den Untergang des Westens voraus. Ein Indikator ist der Anteil an Ingenieuren. Russland verfuegt z.B. ueber deutlich mehr Ingenieure und damit Innovationskraft als die USA und das obwohl es nur etwa ein Drittel der Bevoelkerungszahl hat. Die Anzahl der Ingenieure in Deutschland duerfte keine Rolle mehr spielen.
Guido B.
23. Juli 2025 @ 14:09
Das Konzept der “Full Spectrum Dominance” gibt es schon länger. Mit seinem konfrontativen Verhalten erreicht der Westen allerdings nur die wirtschaftliche und militärische Solidarisierung des Nicht-Westens. Die BRICS-Nationen lernen gerade eine wichtige Lektion: Wer sich vom Westen nicht emanzipiert, wird von ihm schikaniert und sanktioniert. Es ist ja nicht mehr so, dass die ganze Welt zum Westen (“Golden Billion”) gehören will. Der Westen wird bald lernen, dass ihn die “Full Spectrum Dominance” nicht gegen seine Verwundbarkeit schützt. Der Westen ist in vielerlei Hinsicht verwundbar geworden. Man muss ihm nur die Energie und die Rohstoffe entziehen, dann ist es vorbei mit der “Full Spectrum Dominance”.
Monika
23. Juli 2025 @ 22:16
oh-oh, ob der Westen in Persona USA diese Hungerdiät erdulden würde? Da haut er lieber präventiv den Rohstoffbesitzern kräftig „auf die 12“ und erbombt sich das Gewünschte …
So stellen sich die USA jedenfalls ihr geostrategisches Spiel vor…