Soziales Europa: Deutschlands Coronakranke Spargel-Sklaven

Warum ist Kanzlerin Merkel eigentlich nicht zum EU-Sozialgipfel nach Porto gefahren? Vielleicht deshalb: Deutschland leistet sich Coronakranke Spargel-Sklaven – und umgeht soziale Mindeststandards und Hygieneregeln.

Dass Deutschland auf Lohnsklaven aus Osteuropa setzt, um die Preise niedrig zu halten und auch in der Corona–Pandemie die Produktion aufrecht zu erhalten, ist allgemein bekannt. Vor allem die Schlachthöfe haben Schlagzeilen gemacht.

Weniger bekannt ist die Lage in der Landwirtschaft. Dabei hat Berlin gerade eine Sonderregel für sog. “kurzfristig Beschäftigte” erlassen. Sie haben erst nach 70 Tagen Anspruch auf eine Sozialversicherung.

Um den Land­wir­ten entgegenzukommen, hat der Bundestag am 31. März die mögliche Dauer von kurzfristigen Beschäftigungen bis Oktober sogar auf 102 Tage ausgeweitet, berichtet die “taz”.

Der Erlass soll vor allem die Spargelernte erleichtern. Damit nichts schief geht, wurden sogar eigene Corona-Regeln erlassen. Für die Leiarbeiter gibt es eine sog. “Arbeitsquarantäne” – selbst bei einem Ausbruch kann weiter gearbeitet werden.

Was das in der Praxis bedeutet, beschreibt die “taz “am Beispiel von Thiermann in Niedersachsen. Der Spargelhof gehört zu den größten Deutschlands und beschäftigt etwa 1.000 Mit­ar­bei­te­r. 130 davon haben sich laut Gesundheitsamt Diepholz infiziert.

„Für die Gesundheit der Ar­bei­te­r*in­nen interessiert man sich wenig“, sagt eine polnische Arbeiterin. Pflichttests für alle Beschäftigten seien erst eingeführt worden, nachdem es mehreren Frauen schlecht ging und sie darum gebeten hätten, getestet zu werden. Wer einen Positivbefund hatte, sei freigestellt und isoliert worden.Barbara F. glaubt, dass sich das Virus ausbreiten konnte, weil die Beschäftigten immer wieder in unterschiedlichen Abteilungen eingesetzt worden seien und es deshalb viele Kontakte gegeben habe. Für sie selbst könnte eine Infektion fatale Folgen haben, sagt sie. Wie mehrere ihrer Kol­le­g*in­nen habe sie keine Krankenversicherung.

Das stinkt zum Himmel. Deutschland leistet sich offenbar schlecht oder gar nicht abgesicherte Arbeitssklaven, die selbst dann noch die Spargelernte sichern müssen, wenn sie an Corona erkrankt sind.

Das widerspricht allen hehren Prinzipien, zu denen sich die EU auf ihrem Sozialgipfel bekannt hat. Wie gut, dass es nur unverbindliche Erklärungen sind – und dass niemand gegen Deutschland vorgeht…