“Nur Deutschland profitiert”

Die Mehrheit der Europäer hält den Sparkurs der “Euroretter” für gescheitert. Dies geht aus einer neuen Gallup-Umfrage hervor. Die Austeritätspolitik schade dem Süden und nütze vor allem Deutschland, glauben viele EU-Bürger. Doch Besserung ist nicht in Sicht.

Dass die Sparpolitik, die sich Kanzlerin Merkel und ihr Noch-Finanzminister Schäuble ausgedacht haben, unpopulär ist, wußten wir schon. Doch dass sie derart unbeliebt ist, ist schon eine Überraschung. Zitat aus EurActiv:

In crisis-hit countries of Southern Europe, support for austerity measures is very low: as many as 94% of Greeks, 81% of Portuguese and 80% of Spaniards believe there are better alternatives.

More than half of the respondents (51%) argued austerity policies have failed to fight the crisis. Just 5% said the policies were in fact delivering results. Europeans with the most trust in austerity policies were Bulgarians (67%) and Hungarians (62%).

Nur fünf Prozent der Befragten stehen also wirklich hinter den Sparmaßnahmen, in den am stärksten betroffenen Euro-Krisenländern hingegen haben sie praktisch keinen Rückhalt.

Fast noch interessanter ist, was die Frage nach den Nutznießern des Sparkurses ergeben hat:

When asked who benefits from austerity policies, 67% of respondents said “only certain countries,” with 77% of this group pointing the finger at Germany.

Wie kommt es wohl zu diesem Ergebnis? In Wahrheit schadet der Sparkurs natürlich auch der deutschen Exportwirtschaft. sie hat gerade erst wieder ihre Prognosen für 2013 heruntergeschraubt.

Und bei der Bundestagswahl hat die Mehrheit der Bürger gegen Merkels Kurs gestimmt. Die härtesten Verfechter des Sparkurses – die FDP – sind sogar aus dem Bundestag geflogen.

Doch Besserung ist nicht in Sicht. Zum einen ist die Austeritätspolitik längst in EU-Recht und Neben-EU-Recht gegossen – im Stabilitätspakt und im Fiskalpakt.

Zum anderen lehnt Merkel selbst kleine Änderungen – etwa an der Berechnung des Defizits –  ab. Wenn überhaupt, dann könnte eine Koalition mit SPD oder Grünen Linderung bringen.

Doch kurz vor Beginn der Sondierungen sind die Merkel-Kritiker auffällig still geworden…

Siehe zu diesem Thema auch “Die Kosten des Sparwahns”

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7 Responses to “Nur Deutschland profitiert”

  1. urs 2. Oktober 2013 at 19:04 #

    War ja klar, 85% der Südländer wollen an die deutschen Sparguthaben, ohne schmerzhafte Reformen. Mutti, bleib eisern!

  2. popper 2. Oktober 2013 at 20:35 #

    Dass diese absurde und falsche Politik immer noch als “Sparpolitik bzw. Sparkurs” bezeichnet wird, finde ich schlimm. Ein bizarrer Euphemismus, der die Verblödung der Massen nur noch verfestigt und den Zynikern in Brüssel und Berlin permanent in die Hände spielt.

  3. Michael 3. Oktober 2013 at 08:19 #

    Es geht bei solchen Fragen nicht nur darum, wieviele Menschen global einer Meinung sind, sondern wie sich die Meinung verteilt. D.h. konkret darum, in welchen Ländern (und am besten: in welchen solzialen Gruppen in welchen Ländern) viele Menschen der Meinung sind, von der Krise profitiere Deutschland. (In diesem Fall bin ich sicher, dass in Deutschland selbst kaum jemand dieser Meinung ist!)
    Interessant ist z.B., dass in Bulgarien und Ungarn das Vertrauen in die Austeritätspolitik groß ist. Entweder ist das eine echte Überzeugung, oder es liegt daran, dass es den leuten dort zwar dreckig geht, aber nicht wegen einer Politik auf EU-Ebene. Es spricht aber dafür, dass es keineswegs eine Solidarität der Armen gibt, sondern dass die Osteuropäer den Südeurpäern ihre Probleme fast schon gönnen.
    Wenn es eine verbreitete Meinung gibt, dass Deutschland von der Austeritätspolitik profitiere, ist das schon kurz vor der Unterstellung, Deutschland wolle die südeurpäischen Länder bewusst ruinieren. Was man mittlerweile übereinander denkt, ist schon beängstigend.

    • ebo 3. Oktober 2013 at 09:34 #

      Bulgarien und Ungarn sind nicht im Euro, sie haben also weniger Erfahrung mit der “Stabilisierung” à la EU.

      • Michael 3. Oktober 2013 at 09:40 #

        Das ist mir bewusst, aber es bestätigt meine Überlegung, dass es keineswegs eine einfache Gleichung gibt, nach der “alle Armen” gegen (nennen wir es mal so) “Merkelismus” wären. Und ich wiederhole: Die Frage, welche Gegensätze zwischen Nationen sichtbar werden, ist mindestens so interessant (sowie relevant, und langfristig gefährlich), wie die Frage, wieviel % der Europäer eine bestimmte Politik für richtig halten.

  4. Andres Müller 4. Oktober 2013 at 14:17 #

    Ob in den USA oder in Europa, die Finanzkrise war und ist für die Reichsten ein riesen Geschäft. In den USA hat sich die Differenz bei den Einkommen zwischen den 90% und den Reichsten dramatisch entwickelt.

    In Europa profitieren ebenfalls die reichsten Bürger/Banken und hier zudem auch die reichsten Nationen, also Deutschland.

    Aus diesem Grund kämpfen in den USA einflussreiche Republikaner dafür, dass die Schuldenobergrenze eingehalten wird, und nicht wie vorgeblich gesagt nur wegen Obamas neuer Krankenkasse. Dies würde die USA wieder in die Rezession drücken, woraufhin die FED weiterhin den Reichsten ihre Brieftasche auffüllen würde, so deren Plan.

    Inzwischen ist die Finanzkrise für viele Finanzkonzerne und Spekulanten zum wichtigen Lebenselixier geworden, mit Realwirtschaft alleine lassen sich kaum mehr Milliarden verdienen.Eine Wirtschaftsaufschwung würde jene Kreise bedrohen die inzwischen von staatlichen Nothilfen via den Notenbanken abhängig geworden sind.

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