Wie hältst Du’s mit der Integration?

In Frankreich hat es nicht geklappt, in Belgien und Holland auch nicht. Nun kämpft sogar Schweden mit Problemen bei der Integration von Flüchtlingen und dem neuen Antisemitismus. Was kann Deutschland aus den Erfahrungen in Stockholm und Malmö lernen?


Schweden erlebt derzeit eine Welle antisemitischer Gewalt mit Brandanschlägen auf Synagogen und ähnlichen Ausschreitungen, die glücklicherweise bisher ohne schwere Verletzungen abgegangen ist. Diese Taten konzentrieren sich vor allem auf die Bevölkerungszentren, besonders Malmö und Stockholm.

Das sind gleichzeitig die Orte, in denen der Großteil der von Schweden angenommenen Flüchtlinge und Asylbewerber der letzten Jahre (kein Land hat gemessen an der Bevölkerungszahl so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Schweden) leben. Twitter-User jfkr_ hat dazu diesen Tweet geschrieben.

Das ist in der Tat eine interessante Feststellung. Und sie wirft die altbekannte Frage auf: was tun im Angesicht dieses Problems?

Es ist an dieser Stelle so richtig wie nutzlos festzustellen, dass Schweden dieses Problem nicht hätte, wenn man nie Flüchtlinge aufgenommen hätte. Dann wäre das Problem jetzt in einem anderen EU-Staat.

Das nur vorneweg, bevor jemand in der Kommentarspalte loslegt.

Wir müssen nicht wieder damit anfangen, ob es Merkels größter Fehler oder gar ein Verbrechen war, die Leute aufzunehmen. Mir geht es um die Frage, was jetzt passiert.

 

 

Denn tatsächlich ist es zweifelsohne so, dass Einwanderer aus dem Mittleren Osten andere kulturelle Präferenzen und Einstellungen mitbringen als die Mehrheitsgesellschaft in Europa. Das hat nie jemand bestritten.

Was daher notwendig ist, ist dass diese Menschen sich in diese Mehrheitsgesellschaft integrieren und integriert werden. Wie die Konservativen und Neurechten nicht zu betonen müde werden funktioniert das nicht sonderlich gut. Und das ist korrekt.

Aber Integration ist keine Einbahnstraße.

Bisher haben sich beide Seiten nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Man sehe sich nur diese Kaskade von Vollidioten an, die die Berliner Boulevardpresse aufgetan hat.

„Sollte ich hier auf der Straße einen Israeli oder Amerikaner treffen, wäre er tot. Ich schwöre auf meinen Gott.“ Toxische Männlichkeit, kultureller Chauvinismus und falsch verstandene Religiosität geben sich die Hand.

Auf der anderen Seite aber bleibt seitens der Europäer ein Hauptproblem bestehen: dass sie auch keine Integration wollen und möglich machen.

Wir haben das Problem schon seit Jahrzehnten mit den Türken, denen nie erlaubt wurde, Deutsche zu werden und die immer „Ausländer“ bleiben, selbst wenn sie einen deutschen Pass haben und hier geboren wurden.

Zwar redet niemand so viel von der Notwendigkeit der Integration wie die Rechten, aber gleichzeitig wehrt sich auch niemand so heftig gegen Integration wie sie.

Denn wann genau ist jemand denn „integriert“? Wenn sich die Person an die Gesetze hält? Das wird die übergroße Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland überraschen zu hören.

Wenn die Person ein glühender Verfechter der liberalen Werte wird? Das hat noch keinen türkischstämmigen Politiker vor Hassbotschaften und Ablehnung beschützt.

Wenn sie Bockwurst mit Sauerkraut essen, Lederhosen tragen und in breitestem Dialekt sprechen? Machen wir uns nicht lächerlich.

Denn das ist die gerne verdrängte andere Seite der Integrationsmedaille. Seit drei Jahrzehnten labern die Rechten ständig von Leitkultur, weil sie sich für’s „Ausländer raus!“-Brüllen zu fein sind.

Was diese Leitkultur genau sein sollte wurde dabei nie abschließend definiert, schon allein, weil der eigenen Seite bei jedem ernsthaften Versuch schwerwiegende Defizite attestiert werden müssten.

Das Bundesrepublik-Trivial-Pursuit, dass der Einbürgertest ist, mit seinen Fragen nach der Kunst der Romantik, Goethe und Mozart, ist Papier gewordener Ausdruck dieser Farce.

Integrationswillige Einwanderer – und das ist immer noch die Mehrzahl – haben schlichtweg keinen Normenkatalog, an den sie sich halten könnten. Es gibt keinen Punkt, an dem sie von denen, die ständig nach ihrer Integration schreien, je anerkannt werden würden.

Und es ist wahrlich nicht so, als ob die Leute das nicht bemerken würden. Die Heuchelei der Deutschen, die ihnen auf der einen Seite das Einhalten von Werten, die ihnen als „deutsch“ vorgesetzt werden, penibel abverlangen und sie ihnen andererseits nicht selbst zugestehen, ist allzu offenkundig.

Dazu kommt, dass diejenigen Deutschen auf der progressiven Seite des Spektrums, die sich ernsthaft und guten Willens um die Einwanderer bemühen, oft in falsch verstandener Toleranz Verstöße gegen elementare deutsche Grundnormen akzeptieren, die dann zu einer unwidesprochenen Verbreitung von solchen Ansichten wie den oben zitierten führen.

Denn das absurde an der Situation ist ja, dass solche muslimischen Einwanderer gleichzeitig Täter und Opfer sind: Den gleichen Hass, den sie kübelweise auf Juden ausschütten, erhalten sie durch die deutsche Gesellschaft ja selbst.

Es dürfte unbestritten sein, dass in Deutschland massive Vorurteile bis hin zum Fremdenhass gegenüber Muslimen bestehen; die AfD verdankt ihre fortgesetzte Existenz nichts anderem als dem dumpfen Hass der Verbohrten.

Solange wir in Deutschland nie die ernsthafte und unangenehme Diskussion führen, was denn nun eigentlich als mindeste Integrationsleistung zu werten ist und dies dann auch akzeptieren, wird sich diese unsägliche Debatte immer im Kreis drehen.

Die Rechten werden immer auf irgendwelche Integrationsverweigerer, Gewalttäter und Terorristen verweisen können. Die Progressiven werden immer auf den offenen Rassismus der Mehrheitsgesellschaft verweisen. Die Einwanderer werden über genau diesen klagen.

Und jeder hat Recht damit, und keinem ist auch nur ein Stück geholfen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf “Deliberation daily”, das Original steht hier