Ukraine, Krieg und Medien: Das Problem der Kontextualisierung

Die Ukraine setzt ihren Energiekrieg gegen Russland fort – mit Drohnen, die offenbar gezielt über das Baltikum geleitet werden. Dies ist eine Gefahr für die Nato und ein Risiko für die ohnehin bedrohte Energieversorgung. Doch die Medien schaffen es, die Angriffe als Selbstverteidigung zu präsentieren – durch gezieltes Framing.

Wie dieses Framing funktioniert, möchte ich an einer dpa-Meldung zeigen, die u.a. im “Spiegel” wiedergegeben wurde. Der Trick lautet (fehlende) Kontextualisierung: Bestimmte Kontexte werden gezielt weggelassen, andere von Kiew übernommen oder gar selbst konstruiert.

Hier der Text, die kursiven Anmerkungen sind von mir.

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Ukrainische Langstreckendrohnen haben erneut den russischen Öl- und Gasexporthafen Ust-Luga an der Ostsee bei Sankt Petersburg angegriffen. Der Gouverneur der Region, Alexander Drosdenko, sprach von Schäden an den Hafenanlagen, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass meldete.

Kontext fehlt: Angriffe auf zivile Energieanlagen sind völkerrechswidrig. Sie können als Kriegsverbrechen gewertet werden.

Am Finnischen Meerbusen seien Drohnen auch über den Landkreisen Kingisepp an der Grenze zu Estland und Wyborg an der Grenze zu Finnland geortet worden. Am Flughafen der Millionenstadt Sankt Petersburg mussten wegen der Drohnengefahr mehr als 60 Flüge gestrichen oder verschoben werden.

Zuletzt war am 27. März Rauch über dem Hafen aufgestiegen, auch damals war der Grund ein ukrainischer Angriff.

Kontext fehlt: Die Angriffe finden auf dem Höhepunkt der neuen weltweiten Energiekrise statt. Sie folgen einem ähnlich Muster wie die Angriffe der USA und Israels auf Energieanlagen im Iran und des Iran auf die Golfstaaten.

Nach Angaben des estnischen Militärs drangen mehrere Drohnen auch in den Luftraum des baltischen EU- und Nato-Land ein. Die Flugobjekte seien von Radarsystemen und auch von in Estland stationierten Nato-Kampfjets gesichtet worden, aber weder abgestürzt noch abgeschossen worden.

Auch im benachbarten Lettland näherte sich ein unbekanntes Flugobjekt dem Luftraum an, drehte aber vorher ab. Wie in Estland wurden die Bewohner der betroffenen Regionen mit Handy-Warnungen darüber informiert. In beiden Ländern bestehe keine Gefahr mehr, teilte das Militär mit.

In Estland, Lettland und Litauen waren in der Vorwoche jeweils eine fehlgeleitete ukrainische Drohne in den Luftraum eingedrungen und abgestürzt, mit der Kyjiw Ziele im Nordwesten Russland angegriffen hatte. Verletzte oder größere Schäden gab es dabei nicht.

Kontext fehlt: Ein vergleichbarer Drohnen-Absturz über Polen hat Krisensitzungen bei der Nato ausgelöst. Ukrainische Drohnen über dem Baltikum und Finnland sollten zumindest Nachfragen zur Folge haben. Die Verletzung des Luftraums von Nato-Ländern wird nicht einmal thematisiert. Zudem ist hier von einer “fehlgeleiteten” Drohen die Rede, ohne Angabe von Belegen. Vielleicht wurde die Flugbahn über das Baltikum bewußt gewählt?

Ukraine will Energieexporte stoppen

Über den Hafen Ust-Luga verschifft Russland Öl und Flüssigerdgas. Wegen der hohen Energiepreise aufgrund des Irankriegs könnte Moskau mit dem Export zusätzlich Geld für seine Kriegskasse verdienen. Die ukrainische Armee hat jedoch seit vergangener Woche in mehreren Nächten Ust-Luga, den Ölhafen Primorsk und die Großraffinerie Kirischi attackiert, um die Energieausfuhren zu stören. Die russische Flugabwehr konnte nicht verhindern, dass Tanklager in Brand geschossen und technische Anlagen beschädigt wurden.

Ukrainisches Framing übernommen, fehlender Kontext: Die aktuelle weltweite Energiekrise wird nicht erwähnt, die drohende Knappheit bei Öl und Gas auch nicht. Stattdessen übernimmt dpa ungeprüft die Darstellung der Regierung in Kiew. Sogar die fragwürdige Begründung – “hohe Energiepreise => mehr Export => mehr Geld für die Kriegskasse” – wird übernommen.

Russland überzieht das Nachbarland Ukraine seit mehr als vier Jahren mit einem verheerenden Krieg. Teil der ukrainischen Gegenwehr sind Luftangriffe auf Industrie- und Militäreinrichtungen im russischen Hinterland.

Ukrainisches Framing übernommen: Hier werden Luftangriffe auf zivile Energie-Versorgungsanlagen als Verteidigung bezeichnet und legitimiert.

Fazit: Dieser Text folgt dem üblichen Muster der deutsch-ukrainischen Kriegsberichterstattung. Er übernimmt fraglos die ukrainische Perspektiveund verzichtet darauf, wichtige Aspekte des aktuellen Kontextes anzusprechen: Der Irankrieg taucht nur am Rande auf, der Energiekrieg (den auch Russland gegen die Ukraine führt) wird nicht erwähnt, die weltweite Energiekrise ist gar kein Thema. Steigende Energiepreise werden nur als mögliche Einnahmequelle für die “Kriegskasse” des Kremls angesprochen, nicht als Problem für Deutschland und Europa. Völlig unverständlich ist, daß der Nato-Kontext komplett ausgeblendet wird. Die hier berichteten Fakten deuten daraufhin, daß die ukrainischen Drohnen-Angriffe gezielt über Nato-Territorium geführt werden. Doch obwohl es um mehrere Vorfälle geht, wird die Nato nicht angefragt. Das “Verteidigungsbündnis” als Abschussrampe für bewaffnete Angriffs-Drohnen, die das Baltikum und Finnland gefährden? Kein Thema…

Ähnliche Fehler finden sich in vielen Kriegsberichten. Die “Ukraine-Ticker” übernehmen Agenturmeldungen, ohne sie zu prüfen oder in den Kontext zu stellen…

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