Streit über EU-Verteidigung, Gezerre um Ukraine & EUropäer sehen schwarz

Die Watchlist EUropa vom 29. Januar 2026 – Heute mit Nachrichten und Analysen zur Verteidigungspolitik in der Ära Trump, zur EU-Erweiterung und zu den düsteren Zukunftsaussichten in EUropa.

Kann sich die EU selbst verteidigen – und wenn ja, wie? Über diese Fragen ist ein heftiger Streit entbrannt, nachdem Nato-Generalsekretär Rutte den EUropäer die Fähigkeit zur eigenständigen militärischen Verteidigung abgesprochen hat.

Der für die Aufrüstung zuständige EU-Kommissar Kubilius sagte auf der Jahreskonferenz der Europäischen Verteidigungsagentur, Europa müsse “sehr schnell” eine eigenständige Verteidigung aufbauen. Es seien ‍paneuropäische ⁠Fähigkeiten nötig, nicht nur nationale.

Die umstrittene Außenbeauftragte Kallas erklärte, die EU brauche mehr militärische Eigenständigkeit. Europa sei nicht mehr der primäre Schwerpunkt Washingtons, und diese Verschiebung sei strukturell, nicht vorübergehend. Darauf müsse man sich einstellen.

Kein “europäischer Pfeiler”

“Die Nato muss europäischer werden, um ihre Stärke zu bewahren”, forderte Kallas. Noch weiter geht EVP-Chef Weber: Er fordert eine europäische Armee. Der Startschuss könne von “Friedenstruppen” für die Ukraine ausgehen – nach einem Ende des Krieges.

Das klingt alles sehr entschlossen. Die EU rüstet bereits massiv auf, die “Koalition der Willigen” bereitet ein Truppenkontingent für die Ukraine vor. Doch bisher sind nur Frankreich und das Nicht-EU-Mitglied UK bereit, Soldaten zu schicken – weit entfernt von der Front.

Selbst für diesen bescheidenen Einsatz fordern sie Sicherheitsgarantien von den USA – die US-Präsident Trump nicht oder nur unter strikten Bedingungen geben will. Überaus ängstlich, wenn nicht unterwürfig, agierten die EUropäer auch im Grönland-Konflikt.

Nicht gegen die USA

Als Trump sich die Insel schnappen wollte, haben nur acht Staaten eine Handvoll unbewaffnete Soldaten geschickt. Die Solidaritätsaktion war nicht in der Nato koordiniert und wurde vom deutschen Minister Pistorius flugs uminterpretiert – als Hilfe für die USA.

Hier liegt des Pudels Kern: Deutschland und die meisten anderen EU-Staaten wollen – zumindest derzeit – keine unabhängige EU-Verteidigung. Sie wollen sich nicht gegen den US-Imperialismus verteidigen, sondern einzig und allein gegen Russland.

Da Trump ihnen dabei nicht mehr helfen will (er sucht sogar Frieden mit Russland), bauen sie nun Parallelstrukturen in und neben der Nato auf. Das mußte früher oder später zu Streit führen – zumal mit einem Mann wie Rutte, der sich als “Trump-Flüsterer” versteht.

Nun ist der Streit da, mit ganzer Wucht. Dabei macht Rutte doch genau das, was die meisten EUropäer wollen: Er versucht, Trump an Bord zu halten und die Nato zu retten…

Meine Meinung: Die aktuelle Debatte über eine “europäische Verteidigung” führt in die Irre. Rutte hat recht, daß die EU nicht schnell (genug) unabhängig von den USA wird. Das eigentliche Problem ist jedoch der fehlende politische Wille und die fehlende Strategie. Rutte ist Teil dieses Problems – denn er will die EUropäer in der Rolle der Vasallen halten…

News & Updates

Das Letzte

Die EUropäer sehen schwarz. Das Beste liegt hinter uns, von nun an geht’s bergab. Dies ist, folgt man einer neuen Umfrage in “Politico”, die ganz überwiegende Meinung der EUropäer. Fast zwei Drittel der Befragten gaben an, dass „die besten Jahre hinter uns liegen“ (63 Prozent), während 77 Prozent glauben, dass das Leben in ihrem Land „für die nächste Generation schwieriger werden wird“Die düstere Stimmung ist demnach besonders in West- und Mitteleuropa weit verbreitet. Eine Mehrheit der Europäer (76 Prozent) gab zudem an, dass die Demokratie in ihrem Land im Niedergang begriffen sei. – Das passt schlecht zum Selbstbild der EU, die sich gern als Hüterin von Demokratie und Rechtsstaat präsentiert. Das “Eurobarometer” – eine Umfrage im Auftrag der EU – zeichnet immer noch ein rosiges Bild von der Lage…

EU-Korrespondent und Blogger bei Lost in EUrope
Ich arbeite seit 2004 als fest akkreditierter EU-Korrespondent für deutsche Medien in Brüssel. Mehr als 25 Jahre Erfahrung in Europapolitik, deutsch-französischen Beziehungen und Foreign Affairs. Blogge hier seit 2011 🙂
ebo