RT-Verbot: Ein bedenklicher Präzedenzfall

Mit dem EU-weiten Verbot von RT und Sputnik schafft Brüssel einen gefährlichen Präzedenzfall für weitere Eingriffe in die Medienfreiheit.

Das Verbot, das nicht einmal eine Woche nach Kriegsbeginn in der Ukraine verhängt wurde, war von langer Hand vorbereitet. Es zeigt, dass die EU-Kommission sich immer mehr Kompetenzen aneignet und auch nicht davor zurückscheut, in Grundrechte einzugreifen.

Aus meiner Sicht sind – neben der wackligen rechtlichen Grundlage, die Bundes- und Landesrecht überwölbt und aushebelt – vor allem drei Aspekte problematisch:

  • Vorbereitet und legitimiert wurde die Sperrung von der “Stratcom East”, einer Einheit für “Strategische Kommunikation” im EAD (Auswärtiger Dienst der EU), die eng mit der Nato zusammenarbeitet und sich nicht in die Karten blicken lässt. Offiziell ging es immer nur um Aufklärung und Abwehr von “Desinformation”. Nun zeigt sich, wie schnell daraus eine offensive Zensurmaßnahme werden kann.
  • Begründet wurden die Maßnahmen mit einer einer EU-Regulierung von 2014, bei der es um die territoriale Integrität der Ukraine ging. Das war eine Rechtsverordnung, die Sanktionen gegen Russland ermöglichen sollte, allerdings keine Zensur. Dass sie nun, sieben Jahre später, herausgekramt und gegen RT und Sputnik gewendet wird, zeigt, wie schnell ein Sanktionsregime zweckentfremdet werden kann.
  • Die EU-Kommission nutzte zudem einen bisher “freiwilligen” Verhaltenskodex für Online-Plattformen, um YouTube, Twitter & Co. zur Sperrung der russischen Medien zu bewegen. Auch das geschah hinter verschlossenen Türen, von Transparenz kann keine Rede sein. Dieser freiwillige Kodex soll bald in einen verbindlichen übergehen – die Internet-Regulierung wird zum Einfallstür für Zensur.

Die EU-Kommission agiert in einer Grauzone, RT wird zum Präzedenzfall für weitere Maßnahmen. Wer garantiert uns, dass nicht schon bald unliebsame Berichte zu Corona oder zur Klimakrise verboten und werden? Damit beschäftigen sich die “Stratcom”-Leute nämlich auch schon.

Und wer verhindert, dass die laufende europäische Internet-Regulierung – Stichworte DMA und DSA – zu einer umfassenden Internet-Zensur führt? Bisher war geplant, dass Online-Medien vom neuen EU-Monitoring ausgeklammert werden.

Doch der entsprechende Passus soll gestrichen werden…

Siehe auch “Zensur auf wackligen Füßen”