Letzte Chance in der Klimapolitik: Brüssel ist in Verzug geraten

Wie nutzen Deutschland und die EU ihre “letzte Chance”? – In der Klimapolitik ist Brüssel in Verzug geraten, der gesellschaftliche Konsens ist zerbrochen. Teil 1 von 10 unserer Sommerserie.

Beginnen wir mit einer Zusammenfassung der wichtigsten Ereignisse der letzten Legislaturperiode:

  • Der “European Green Deal” war von der Leyens Startpunkt in Brüssel im Jahr 2019, mit dem Versprechen, neue Märkte zu erschließen und die Führung bei “Clean Tech” zu sichern.
  • Fünf Jahre später ist klar, dass diese Ziele verfehlt wurden: Europa ist bei Schlüsseltechnologien gegenüber China und den USA zurückgefallen.
  • Die Klimaziele für 2030 sind in weite Ferne gerückt, und die kritische 1,5-Grad-Schwelle wurde bereits überschritten. Die Klimakrise hat sich verschärft und Europa besonders getroffen, während die Wirtschaft stagniert.
  • Die EU-Kommission hat es bisher nicht für nötig befunden, Erfolge und Misserfolge des “Green Deals” zu bilanzieren, sondern behauptet, ihre Aufgabe sei erledigt und es komme nun auf die Umsetzung durch die Mitgliedstaaten an.
  • Deutschland riskiert Milliardenstrafen, da es die Klima-Vorgaben aus Brüssel für 2030 voraussichtlich verfehlen wird, insbesondere im Gebäude- und Verkehrssektor sowie in der Industrie.

Soweit der Befund aus dem E-Book “Die Kommission der letzten Chance” von Januar 2025. Sechs Monate später hat sich die Lage kaum verbessert – im Gegenteil.

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Brüssel ist in Verzug geraten. Das bereits im Frühjahr versprochene neue, EU-interne Klimaziel für 2040 kam erst im Juni. Das international wichtigere Klimaziel für 2035 steht noch aus; die Diskussionen dürften schwierig werden.

Denn in der Zwischenzeit ist der klimapolitische Konsens, von dem Kommissionschefin von der Leyen zu Beginn ihrer Amtszeit 2019 profitierte, zerbrochen. Frankreich und Polen probten beim EU-Gipfel im Juni den Aufstand.

Sie konnten sich zwar nicht durchsetzen und das neue Ziel für 2040 kippen. Doch es wurde aufgeweicht und ausgehöhlt. Die EU hat erstmals eingeräumt, dass sie die Klimaneutralität 2050 nicht allein erreichen wird.

Die Strategie ist gescheitert

Deshalb will sie schon 2040 zu einem Trick greifen und einen Teil der CO2-Einsparungen ins nichteuropäische Ausland auslagern – über Zertifikate. Doch deren Wert und ihr klimapolitischer Nutzen sind umstritten.

Bedenklich ist auch, dass der “European Green Deal” abgespeckt und teilweise der Entbürokratisierung bzw. Deregulierung geopfert wurde.So bekamen die Autobauer mehr Zeit, um EU-Klimavorgaben einzuhalten.

Weil sich der Absatz für E-Autos nicht so gut entwickelt hat wie erwartet, könnten Autobauer die Grenzwerte deutlich überschreiten. Dies hätte Milliardenstrafen zur Folge.

Die deutsche Industrie begrüßte den Aufschub. Die Rahmenbedingungen in vielen Bereichen seien unzureichend, Ziele sollten grundsätzlich flexibler gestaltet werden.

USA und China stehen besser da

Damit wird allerdings auch die bisher verfolgte Strategie zur Erreichung der Klimaziele infrage gestellt.

Von der Leyen hat auf strikte Vorgaben und aufwändige Regulierungen wie das Lieferkettengesetz gesetzt.

Demgegenüber haben die USA und China vor allem mit Zuckerbrot (Subventionen, Steuersenkungen) und Industriepolitik gearbeitet.

Das war offenbar die bessere Strategie…

Der nächste Teil der Serie folgt am Montag.

P.S. Wenn die EU wie versprochen für 750 Mrd. Dollar schmutziges Frackinggas und andere fossile Energien in den USA kauft, dann verrät sie ihre eigenen klimapolitischen Ziele. Von der Leyen hätte damit eine 180-Grad-Wende hingelegt – aber wen wundert es noch?