Geheimplan zur Migration, Masterplan zur Demokratie – und 2000 Jahre Knast

Die Watchlist EUropa vom 13. November 2025 – Heute mit News und Analysen zur Flüchtlingspolitik, einer neuen EU-Agentur zur Kontrolle von Medien und Wahlen sowie Repression in der Türkei.

Deutschland muß ab 2026 wohl keine Flüchtlinge aus Griechenland oder Italien aufnehmen, um diese Länder zu entlasten. Kleine EU-Länder wie Luxemburg sollen dagegen mehr Solidarität üben. Dies sieht ein Geheimplan zum neuen „Solidaritätspool“ in der Asyl- und Migrationspolitik vor, den die EU-Kommission vorgelegt hat. Der Vorstoß sorgt für Ärger und Verwirrung.

Ursprünglich wollte EU-Migrationskommissar Brunner seinen Plan schon Mitte Oktober vorlegen. Doch da Deutschland und andere einige EU-Staaten viele Änderungswünsche hatten, hat Brunner die Vorstellung aufgeschoben.

Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) habe Druck gemacht, heißt es in Brüssel. Offenbar wollte er durchsetzen, daß Deutschland im neuen Jahr entlastet wird. Das ist ihm gelungen – jedenfalls begrüßte die Bundesregierung den Vorstoß.

“Gefahr eines Migrationsdrucks”

Das größte EU-Land steht nun auf einer Liste von Ländern, die angeblich hohem „Migrationsdruck“ bzw. der “Gefahr eines Migrationsdrucks” ausgesetzt sind. Neben Deutschland trifft dies nach Ansicht  der EU-Kommission auch auf Belgien, Frankreich, die Niederlande, Polen u.a. zu. Sie können Hilfe beantragen und müssen keine neuen Lasten übernehmen.

Was das in der Praxis bedeutet, ist unklar, denn der Vorschlag der Kommission wird geheim gehalten. Er muß zunächst noch von den 27 Mitgliedsstaaten abgesegnet werden. Das soll im Dezember erfolgen – in einer nichtöffentlichen Sitzung des Rates, ohne Beteiligung des Europaparlaments. 

Sowohl das intransparente Verfahren als auch der Inhalt des Vorschlags sorgen aber jetzt schon für Ärger. So müssen hilfsbedürftige Länder wie Griechenland, Italien, Spanien und Zypern fürchten, daß ihnen bei Inkrafttreten des Asyl- und Migrationspakts im Sommer 2026 wenig Solidarität zuteil wird.

“Solidarität der Menschen”

Außerdem bleibt die Hilfe freiwillig und vage. Den EU-Staaten stehe es frei, die Form ihrer Beiträge zum Solidaritätspool „zwischen der Solidarität der Menschen (gegebenenfalls Verlagerungs- oder Verantwortungsausgleich), der finanziellen Unterstützung und alternativen Maßnahmen oder einer Kombination dieser Maßnahmen zu wählen“, so die Kommission.

Eine Verpflichtung, Flüchtlinge aus den hoch belasteten Mittelmeerländern zu übernehmen, besteht also nicht. Deutschland und andere Staaten können sich von der „Solidarität der Menschen“ freikaufen. Polen und Ungarn haben schon erklärt, daß sie sich gar nicht an dem neuen System beteiligen wollen…

Meine Meinung: Mit Solidarität haben diese Pläne nicht viel zu tun, umso mehr mit Abschottung und Ablasshandel. Wer keine Migranten aus Südeuropa übernehmen will, kann sich freikaufen. Was Brunner und Dobrindt ausgekungelt haben, wird die Lage aber nicht bessern, denn mittlerweile kommen immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten – der Ukraine! Und da gibt es gar keine Beschränkungen, da spricht man auch nicht von Migrationsdruck…

News & Updates

Das Letzte

2000 Jahre Knast im Nato-Land Türkei. Dem inhaftierten Oppositionspolitiker und ehemaligen Istanbuler Bürgermeister Imamoglu drohen in der Türkei mehr als 2.000 Jahre Haft. „Mit dieser Anklageschrift hat die Regierung offenbart, dass sie dieses Land der Demokratie entreißen will“, sagte ein Sprecher der republikanischen Volkspartei CHP. Es handele sich nicht um einen juristischen Text, sondern um einen politischen, der es auf die gesamte Partei abgesehen habe. Das sehen auch die europäischen Sozialisten so. ‘‘We are witnessing autocracy in action from Ankara”, erklärten die Genossen. “We call upon the European Commission … to take the necessary steps.” Doch Brüssel schweigt – genau wie Berlin. Kanzler Merz hatte erst kürzlich dem Sultan Erdogan seine Aufwartung gemacht…Siehe auch Die dunkle Seite der Ukraine – wovon SPD & Genossen lieber nicht reden

EU-Korrespondent und Blogger bei Lost in EUrope
Ich arbeite seit 2004 als fest akkreditierter EU-Korrespondent für deutsche Medien in Brüssel. Mehr als 25 Jahre Erfahrung in Europapolitik, deutsch-französischen Beziehungen und Foreign Affairs. Blogge hier seit 2011 🙂
Eric Bonse