Fall von Kabul: Schuldiges Schweigen in Brüssel

Wie reagieren EU und Nato auf den drohenden Fall von Kabul? Offiziell gar nicht – in den Hauptquartieren herrscht das große Schweigen. Es soll die Mitschuld an dem Debakel verdecken.

Werbung

Seit dem frühen Sonntagmorgen fragen EU-Korrespondenten die Europäische Kommission in Brüssel nach einem Statement zum Drama von Kabul. Sie wollen wissen, ob und wie die EU reagiert.

Doch Kommissionspräsidentin von der Leyen, die als deutsche Verteidigungsministerin selbst vor nicht allzu langer Zeit für Afghanistan zuständig war, schweigt. Auch ihr “Außenminister” Borrell duckt sich weg.

Dabei ist der Spanier im Dienst – wie ein akueller Tweet zum Erdbeben auf Haiti zeigt. Doch wie immer, wenn es ernst wird und auf eine EU-Reaktion ankäme, ist die “geopolitische Kommission” abgetaucht.

Werbung

Bei der Nato, die den Afghanistan-Einsatz rund 20 Jahre an der Seite der USA führte, sieht es nicht besser aus. Generalsekretär Stoltenberg hat sich zum letztenmal am 13. August geäußert.

Zum drohenden Fall von Kabul sagt er nichts. Das Militärbündnis werde dabei helfen, den Flughafen von Kabul offenzuhalten, Evakuierungen zu erleichtern und zu koordinieren – das ist alles.

Kein Wort zum Sieg der Taliban, keine Reaktion auf die Kapitulation der afghanischen Armee, keine Geste für die vielen tausend afghanischen Helfer, ohne die sich USA, Nato und EU-Hilfstruppen nie im Land gehalten hätten.

Die Chefs sind sprachlos, ihr Schweigen drückt hochnotpeinliche Verlegenheit aus. Schließlich haben sie jahrelang behauptet, sie würden in Afghanistan “Nation Building” betreiben und die Streitkräfte ausbilden und stärken.

Nun ist der afghanische “Staat” zusammengebrochen, Präsident Ghani ist vor den Tabilan – und vor seiner Verantwortung – geflohen. Und die Armee, die auch von der Bundeswehr “ausgebildet” wurde, hat die Waffen gestreckt.

Offenbar war das Gerede vom “Nation Building” nur – Gerede. Und die Behauptung, der Westen habe dem Land geholfen, auf eigenen Beinen zu stehen, war bestenfalls wishful thinking, schlimmstenfalls eine Lüge.

Deshalb ist das Schweigen in Brüssel nicht nur verlegen, es ist auch verräterisch. Es verrät das schlechte Gewissen über das Unheil, das nun über Afghanistan kommt – und über die eigene Mitschuld an dem Debakel…

Mehr zu Afghanistan hier

P.S. Am Sonntagabend gab es von Borrell doch noch ein Statement, hier der Text:

“We are following the situation closely, the HRVP and his team are in intense contacts with EU and international counterparts. Further bloodshed and casualties in Afghanistan should be avoided. We understand that negotiations are underway for agreeing on a transitional set-up and we will react accordingly.”

P.P.S. Die EU-Außenminister planen eine Krisensitzung am Dienstag. Nach intensiven Kontakten mit den Partnern habe er ein Sondertreffen per Videokonferenz einberufen, teilte der EU-Außenbeauftragte Borrell auf Twitter mit. “Afghanistan steht an einem Scheideweg. Die Sicherheit und das Wohlergehen seiner Bürger sowie die internationale Sicherheit stehen auf dem Spiel”, fügte er hinzu.

Werbung
Share