Der Wert EUropas

Die Deutschen werden immer euroskeptischer, nun steuert Außenminister Westerwelle gegen: Auf einer Konferenz im Auswärtigen Amt will er dem zweifelnden Publikum den “Wert Europas” vermitteln. Gleichzeitig lädt der FDP-Mann die Bürger zur Beteiligung auf Facebook, Twitter und anderen social media ein. Die Idee ist gut, doch ich habe Zweifel, ob Thema und Ort richtig gewählt sind.

Es geht doch um den Wert der EU und des Euros, oder? Da sollte man lieber im Epizentrum der Krise, also in Athen, oder bei den Profiteuren der Krise, z.B. in Frankfurt oder Hamburg (dem “Tor zur Welt” tagen. Die Hamburger Pfeffersäcke würden den Wert der EU ziemlich schnell ermitteln, denke ich. Sie würden den Profit, den ihnen der EU-Binnenmarkt bringt, mit den Kosten vergleichen – und feststellen, dass Deutschland zwar Nettozahler, aber auch Nettogewinner ist.

Schließlich kann der Bund sogar für die Hilfskredite an Griechenland Zinsen kassieren. Zudem ist die Neuverschuldung wesentlich biliger geworden, weil die Märkte Deutschland das Geld zum Nulltarif hinterherwerfen. In Griechenland hingegen ist das Geld teuer und die Arbeit billig geworden: die Arbeitskosten sind im Vergleich zum Vorjahr um 11,5 Prozent gefallen, wie die Website “Athen news” heute meldete. 

Ach so, das hat Westerwelle gar nicht gemeint? Ihm geht es um den ideellen Wert Europas bzw. der EU? Dann kommt er ein wenig spät. Schließlich hat seine Chefin, Kanzlerin Merkel, schon längst ihre eigene PR-Kampagne gestartet. Gestern auf der Sommer-Pressekonferenz präsentierte sie sich mal wieder als coole Europa-Kanzlerin, die mal eben EU-Gipfelbeschlüsse kippt. Und zusammen mit mehreren Stiftungen umgarnt sie die Bürger mit einem platten  “Ich will Europa”.

Was denn, diesmal geht es nicht um PR? Und mit Wahlkampf hat das alles auch nichts zu tun? Nun gut, dann hören wir uns mal die Vorträge an, die heute den ganzen Tag auf Arte übertragen werden, und dann sehen wir mal weiter. Meine Leser lade ich ein, sich an Westerwelles Wertedebatte zu beteiligen – gerne auch auf diesem Blog! Sobald genug “Stoff” zusammen ist, wird dieser Beitrag aktualisiert!

 

 

P.S. Bis 15 Uhr hat sich mir der Wert der Debatte nicht erschlossen. Westerwelle hat die üblichen Verdächtigen eingeladen, es werden die üblichen Vorteile der EU herausgestellt, es gibt keinen Streit und keine Bürgerdebatte. Und die tweets lassen sich an einer Hand abzählen. Bemerkenswert ist nur, dass Ex-EZB-Mann Stark eine Agenda 2020 für “Deutschland in Europa” fordert, also für ein deutsches Europa. Dabei gibt es längst eine EU-Agenda 2020…

P.P.S. Nun meldet sich auch noch Westerwelle zu Wort. Pünktlich zum Ende der Wertedebatte legt er ein Papier seiner “Zukunftsgruppe” vor, in dem ein “Europäischer Währungsfonds” gefordert wird. Das hatte allerdings schon Schäuble zu Beginn der Griechenland-Krise gefordert. Auch andere Ideen wie eine europäische Armee oder ein integrierter EU-Außendienst sind nicht neu –  bisher aber meist am Nein aus dem Kanzleramt gescheitert. Merkels Leute spotten auch jetzt wieder über Westerwelles Initiative…
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