Cruel Summer für die EU, Zollfreiheit für USA, Narrenfreiheit für Ukraine
Die Watchlist EUropa vom 23. August 2025 – heute mit der Wochenchronik.
Es sollte eine ruhige Sommerpause werden – ohne nervige EU-Gipfel, endlose Krisensitzungen und Live-Schalten aus Brüssel. Doch daraus wurde nichts – wegen Donald Trump. Gleich dreimal hat der US-Präsident die Europäer aus dem Urlaub gerufen – und für einen “Cruel Summer” für die EUropäer gesorgt.
Schottland, Alaska und Washington heißen die Stationen, an denen Trump die europäische Politik aufgerüttelt und durchgeschüttelt hat. Nun, zum Ende der Brüsseler Sommerpause, ist nichts mehr wie zuvor.
Der ungleiche Handelsdeal mit der EU-Kommission in Schottland, der überraschende USA-Russland-Gipfel in Alaska und der improvisierte EU-Ukraine-Gipfel in Washington werden als Wendepunkte in die europäische Geschichte eingehen.
Bittere Momente der Unterwerfung
Als unrühmliche Wendepunkte, vielleicht sogar als Momente der Unterjochung und Unterwerfung. Jedenfalls sahen die Bilder, die zuletzt aus dem Weißen Haus in Washington kamen, nicht gut aus.
Die Europäer saßen am Tisch des Präsidenten wie gefügige Schüler beim Oberlehrer. Trump gab Kanzler Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron vor laufenden Kameras ihre(überraschend guten) Noten; die Europäer revanchierten sich mit Komplimenten und Danksagungen.
Niemand habe sich so sehr um Frieden in der Ukraine und Europa bemüht wie er, heuchelten sie – dabei hört man in Brüssel genau das Gegenteil: Trump sei eine Gefahr für die EU und die NATO!
In der Substanz hat der Washington-Gipfel jedoch nicht viel gebracht. Trump hat es zwar geschafft, die Europäer aufs diplomatische Gleis zu setzen – was nach drei Jahren aggressiver Verweigerung schon eine gewaltige Leistung ist.
Europäer als Zahlmeister und Ausputzer
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Der US-Präsident hat jedoch offenbar selbst keinen Plan, weshalb er den Schwarzen Peter an Selenskyj und Kremlchef Wladimir Putin weitergereicht hat. Sie sollen sich gefälligst treffen und die Probleme selbst lösen.
Und die Europäer? Ihnen ist die Rolle des Zahlmeisters und Ausputzers zugedacht. Dies zeigte die Debatte über mögliche Sicherheitsgarantien, die nach einem Friedensschluss in der Ukraine greifen sollen.
Trump forderte, dass Deutsche, Franzosen und Briten nicht nur das Gros der Friedenstruppen oder Beobachter stellen (über das genaue Mandat wird noch gerungen), sondern gefälligst auch den Beitrag der USA finanzieren sollen.
Dies ist ein Auszug aus meiner neuen Kolumne für den Makroskop. Mehr hier (Paywall)
Was war noch?
- Zollfreiheit für die USA. Die EU unterwirft sich in der Handelspolitik noch stärker den USA als bisher bekannt. Sie verpflichtet sich nicht nur, die Zölle für alle Industriegüter aus den USA auf null zu senken, während die USA ihrerseits 15 Prozent auf alle Importe aus der EU erheben. Die EU-Kommission verspricht auch, dass mehrere EU-Gesetze den Wünschen der Trump-Administration angepasst werden. – Mein Bericht in der taz
- Narrenfreiheit für die Ukraine. Die Ukraine wird von Deutschland verdächtigt, die Nordstream-Gaspipeline gesprengt zu haben. Nun hat sie auch noch die Druschba-Ölpipeline angegriffen und lahmgelegt. Doch Berlin und Brüssel schweigen. – Mehr im Blog
- Europa soll für Sicherheitsgarantien zahlen. Die USA machen glänzende Geschäfte mit dem Krieg in der Ukraine. Die EU zahlt nicht nur die amerikanischen Waffen, sondern auch noch zehn Prozent Aufschlag für neue Sicherheitsgarantien – sagt Finanzminister Bessent. – Mehr im Blog
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Die meistgelesenen Beiträge der Woche:
Merz und Putin senden Signale der Entspannung – irgendwann
Während der Krieg um die Ukraine immer weiter eskaliert, äußern sich Kanzler Merz und Präsident Putin zu den Zukunftsaussichten – und senden überraschende Signale der Entspannung.
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Führende EU- und Nato-Politiker leugnen weiter, daß es ein Problem mit US-Präsident Trump und Grönland gibt. EU-Kommissar Jörgensen und Nato-Generalsekretär Rutte drehen völlig frei.
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Außenminister Wadephul freut sich darüber, daß die EU-Sanktionen den Aufstand im Iran befeuern. Die massiven Proteste gegen das Ajatollah-Regime nannte der CDU-Politiker eine Folge von Sanktionen: “Das heißt: Sanktionen wirken und auf diesem Weg sollten wir weiter vorangehen.”

european
25. August 2025 @ 07:42
Draghi meldet sich wieder zu Wort. In Rimini hat er vor drei Tagen eine bemerkenswerte Rede zum Zustand der EU gehalten. Ernüchtert beschreibt er den Zustand der EU als weltpolitisch und wirtschaftlich unbedeutender Zuschauer.
„Draghi lashes Europe: «Marginal and spectator, the illusion of an EU that has power has evaporated»“
https://www.corriere.it/politica/25_agosto_22/draghi-ue-marginale-e-spettatrice-e-evaporata-l-illusione-di-un-europa-che-conti-0d343a4f-a0b8-4825-82cb-1c705e637xlk.shtml?refresh_ce
Die EU als geopolitische Macht ist eine Illusion trotz ihrer 450 Mio Einwohner. In einem Absatz beschreibt er das ganze Dilemma:
„The facts speak for themselves. «We had to resign ourselves to the duties imposed by our largest trading partner and long-standing ally, the United States —remarks the former Prime Minister —. We have been pushed by the ally itself to increase military spending, a decision that we should perhaps have taken anyway, but in forms and ways that probably do not reflect the interest of Europe». According to Draghi, the role played in the negotiations for the end of the war in Ukraine is also of little importance.“
Wer will, kann das als deutliche Kritik an der aktuellen Führung der EU herauslesen. Draghi beschreibt im weiteren die Möglichkeiten, die er persönlich als Lösung des Dilemmas sieht. Abbau der noch vorhandenen Handelsbeschränkungen im Binnenmarkt sowie Investitionen im großen Stil und gemeinsame Verschuldung der EU zur Finanzierung. Mehr Integration anstelle von Nationalisierungsbestrebungen.
Ich bin nicht sicher, ob die Bürger der EU dieses befürworten werden. Dazu hat sich das Konstrukt der EU zu sehr als korrupte Maschine gezeigt, die ohne Legitimation durch die Bürger ganz einfach macht was sie will. Es bedarf einer grundlegenden Reform DIESER EU und davon erwähnt er in seiner Rede leider nichts.
ebo
25. August 2025 @ 10:06
Danke für den Hinweis, dazu plane ich auch einen eigenen Blogbeitrag 🙂
european
24. August 2025 @ 12:46
Der Westen ist von Gestern.
Ben Norton führt in seinem aktuellen Geopolitical Economy Report ein wirklich höchst interessantes Gespräch mit dem chinesischen Ökonomieprofessor Zhang Weiwei über die chinesische Sicht der Welt, aktuelle Entwicklungen, chinesische Politik und ihr Demokratieverständnis, über Russland und die USA, deren Politik er als rückwärtsgewandt ansieht “go back to the 90th”. Russland sieht er als “Revoluzzer” und China als “Refomer”.
https://youtu.be/rkVyYvWezI0
Auch das ist eine individuelle Sicht der Dinge, die aber das unterschiedliche Kultur- und Selbstverständnis sehr gut herüberbringt. Der Westen hat sich in seiner eigenen Weltsicht festgefahren und ist nicht bereit, die andere Sicht zumindest zu versuchen zu verstehen. Diese, nennen wir es Ignoranz, verschafft zeitliche Räume, in denen andere Kulturen sich weiter entwickeln.
Die multipolare Welt ist keine Frage mehr des OB oder WANN, sie ist schon längst da.
Merz ist auch ein Vertreter der 90er. Hat er zunächst geglaubt, er müsse nur gewählt werden, damit die Wirtschaft wieder auf Vordermann kommt, so geht er jetzt zurück zum “Wir können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten” und “Teilzeitkräfte beuten den Staat aus.” Die Mottenkiste der politischen Textbausteine scheint unerschöpflich. Fratzscher fordert derweil ein “verpflichtendes Soziales Jahr für Rentner”. Der Pool der Ideen ist begrenzt.
Während “wir” uns also mehr oder weniger sinnlos mit uns selbst beschäftigen, ziehen andere Länder an uns vorbei, weil sie andere Prioritäten setzen. Wir betrachten sie als “Feind”, weil wir immer noch von uns selbst so überzeugt sind, dass wir uns nicht einmal die Mühe machen, uns in andere Kulturen und ihr Selbstverständnis hineinzudenken.
Sowas fällt schwer und als Migrantin kann ich nur bestätigen, dass es manchmal sehr schwer ist, sich in der Jobwelt eines anderen Landes kulturell angemessen zu verhalten. Nicht alles, was wir Deutschen für richtig halten, ist in anderen Ländern auch richtig. Und hier reden wir von Europa. Wir sind auch nicht alle gleich, aber die deutsche Politik sehnt sich zurück nach der Vormachtstellung in der EU.
Und wundert sich, dass die Wähler das nicht goutieren 😉
Helmut Höft
24. August 2025 @ 09:45
Als unrühmliche Wendepunkte, vielleicht sogar als Momente der Unterjochung und Unterwerfung. Jedenfalls sahen die Bilder, die zuletzt aus dem Weißen Haus in Washington kamen, nicht gut aus. Zumal wir nicht wissen, was außerhalb der Showtime geschah. Siehe Karls Bild zum Tage!
Es hilft nix: Solange das Selbstbewusstsein drei Meilen unter Null ist (größter Markt, können uns selbst verteidigen (definitiv!!)) und die Ansprüche meilenweit ins Weltall reichen, wird das nix.
c. c.: Der Clown muss ignoriert werden – schickt die Amis nach Hause!
Btw.: Das sind (gängige) Überschriften zum Verlieben: Trump hat keinen Plan – und EUropa bremst ihn aus Das was er nicht hat wird schon mal ausgebremst. * öh * Und: Die EU kann sich zwar nicht verteidigen, aber die USA ausbremsen! Sachen gibt’s! * tststs_kopfschüttel *
Oder, sinngemäß: Der Russ, der in der Ukraine nicht voran kommt, wird 2029, um fünfuhrfünfundvierzig, Europa überrennen! Da sind wir dann völlig machtlos, denn: Geld allein schießt nicht und die Kapazitäten sind bis dahin noch mit dem Kriesch in der UA überlastet, neue noch im Aufbau. * jammer_jammer *
ebo
24. August 2025 @ 10:25
Trump hat keinen Plan für den Frieden. Dennoch bewegt er sich – siehe Putin-Gipfel in Alaska. Die EU hingegen steht auf der Bremse; einige EU-Mitglieder wollen gar keinen Frieden.
Ist es so klarer?
Helmut Höft
24. August 2025 @ 13:23
@ebo
Das war doch nicht gegen Dich gemünzt, deshalb schrob ich “(gängige)”.
Die Traumwandlerei an allen Orten ist bestaunenswert – sie ist auch in der von Dir gewählten Fromulierung implizit enthalten.
@european
Danke für Link. Der Westen hat sich in seiner eigenen Weltsicht festgefahren und ist nicht bereit, die andere Sicht zumindest zu versuchen zu verstehen. Diese, nennen wir es Ignoranz, verschafft zeitliche Räume, in denen andere Kulturen sich weiter entwickeln. Putin kennt das seit mindestens 23 Jahren und 11 Monaten: Als Interessenvertreter seines Landes, als Gesprächspartner nicht an- geschweige denn ernstgeommen zu werden (“deshalb iss er hoit – eischentlisch seit 2014 schonn – e bissi verschtockt, gell!”)
Es ist wie immer, kann daher auch formuliert werden: Die der Wertewesten®, ebenso die White-Supremacy, hat sich festgefahren: Den “richtigen” Glauben in die Welt bringen, die ungläubigen killen oder unterwerfen.
Karl
23. August 2025 @ 22:55
Das Bild zum Tage – Trump als Schweine-Daddy,
der Landwirt beim Schlachtfest — https://www.instagram.com/p/DNtcG6eWP28/
Arthur Dent
23. August 2025 @ 15:27
Merz, Macron und Tusk (be)suchen schon mal das nächste Fass ohne Boden, wo unsere Steuergelder hineingeworfen werden. Sie inszenieren eine Showveranstaltung in Moldawien.
Michael
23. August 2025 @ 14:39
… und was sagt eigentlich die dänische Präsidentschaft zu den Vorgängen in Brüssel, Washington und dem Rest der Welt? Sind die in ein Sommerloch gefallen?