Aufgelesen: Worum es bei den (abgesagten) Tomahawks wirklich geht
US-Präsident Trump hat die geplante US-Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland gestoppt. Seitdem läuft in Berlin und Brüssel die Suche nach Ersatz: Taurus, ein europäisches Projekt namens ELSA, Tomahawk-Nachbau, türkische Raketen. Die Debatte klingt technisch – und sie verfehlt das Wesentliche.
Von Arno Gottschalk*
Die geplanten US-Raketen waren nie nur Raketen. Sie waren Teil eines viel größeren Systems. Schon in der deutsch-amerikanischen Erklärung vom Juli 2024 stand das ausdrücklich drin: Die Waffen sollten in die sogenannten Multi-Domain Task Forces der US-Armee eingebunden werden. Genau dieser Punkt fehlt in der öffentlichen Diskussion fast vollständig.
Was steckt dahinter? Eine moderne Rakete ist heute militärisch fast wertlos, wenn sie allein dasteht. Sie braucht Augen, die das Ziel finden, ein Gehirn, das in Sekunden entscheidet, und ein Nervensystem, das alles miteinander verbindet. Die Augen sind Satelliten, Drohnen und Aufklärungsflugzeuge. Das Gehirn ist eine Mischung aus Computern, künstlicher Intelligenz und militärischen Kommandostellen.
Das Nervensystem sind sichere Datennetze, die in Echtzeit Informationen austauschen. Die Rakete ist nur das letzte Glied dieser Kette – das, was am Ende abgefeuert wird. Ohne Augen, Gehirn und Nervensystem ist die beste Rakete blind.
Ersatzdebatte führt in die Irre
Genau dieses Gesamtsystem haben die USA. Europa hat es nicht. Wären die US-Raketen in Deutschland stationiert worden, hätte das nicht bedeutet, dass Europa eigene Abschreckungsfähigkeit besitzt. Es hätte bedeutet: Europa hängt an einer Operationsarchitektur, die vollständig in amerikanischer Hand bleibt – Satelliten, Software, Datenleitungen, Entscheidungssysteme. Stationierungsort Deutschland, Steuerung Maryland.
Wenn dieses entscheidende Element fehlt, ist die jetzige Ersatzdebatte strategisch leer. ELSA, Taurus-Modernisierung, Tomahawk-Lizenz, türkische Raketen: All das produziert Waffen ohne das System, in das sie eigentlich gehören. Europa baut Pfeile für einen Bogen, den es nicht besitzt – und zielt auf ein Auge, das entweder im Pazifik gebunden ist oder gar nicht existiert.
Warum wird darüber nicht offen gesprochen? Weil eine ehrliche Antwort die bisherige Erzählung zerstören würde. Der Öffentlichkeit wurde die Stationierung als „Abschreckung gegenüber Russland” verkauft. Die tatsächliche Funktion – die Einbindung in eine globale US-Militärarchitektur mit eigenen Eskalationsrisiken – wurde nie offen erklärt. Würde man es jetzt zugeben, müsste man auch eingestehen, dass Europa sich seit 2024 auf einen Plan eingelassen hat, dessen Voraussetzungen es nie besaß und auch nicht aufzubauen plante.
*SPD-Politiker aus Bremen. Weiterlesen auf Substack. Mehr zur Aufrüstung in EUropa hier

15. Mai 2026 @ 11:27
worum es bei den abgesagten Tomahawks wirklich geht…
wie Gottschalk richtig bemerkt, müssen Raketen stets als Teil etwas Größerem gedacht werden. In diesem Falle ist es einer der 5 über den Globus verteilten MultiDomainTaskForce-Knotenpunkte, der in Deutschland aufgebaut werden sollte. Dass man dieses Projekt aus Deutschland nun zurückzieht, müsste der EU und Deutschland ganz speziell zu denken geben. Die USA fürchten (und ihre Geheimdienste werden ihnen signalisieren: wohl zu recht) um ihre schöne Basis. Das Pflaster hier ist ihnen nach der Entwicklung diverser neuer Kriegsmittel in RU evtl. zu heiß geworden…
15. Mai 2026 @ 05:43
@KK: „keinerlei Einfluss“ – das ist falsch: Rolf Mützenich halten die Granden der Seeheimer für so gefährlich, dass sie ihm keinerlei Funktion in ihrem riesigen Parteiapparat gönnen! Mützenichs Einfluss ist ganz enorm.
In der Friedensbewegung ist der Erhard Eppler-Kreis sehr wohl bekannt und gut eingeführt (teils auch ambivalent, wie bei der SPD leider üblich). Und warum soll nicht ein Ökonom, Arno Gottschalk, in Bremen Kommunalpolitik treiben, wenn er sich dadurch die Unabhängigkeit und geistige Frische bewahrt, solche fundierten friedenspolitischen Beiträge in dem bundesweiten Diskussionszusammenhang schreiben zu können?!!
An dem Beitrag des Gottschalk schätze ich sehr hoch, dass er die Grundsätze der Friedenssicherung zum Tragen bringt, die ich einst im Politikstudium gelernt habe, die aber heute weitgehend aus Hochschulen, Politik und Medien vertrieben sind.
Vielen herzlichen Dank Ebo! Diesen Blog des Eppler-Kreises kannte ich noch nicht und habe ihn sofort abonniert.
15. Mai 2026 @ 10:57
Die “Granden der Seeheimer” verstehen innerparteilich grundsätzlich nur Seeheimer. Ehernes Gesetz: nur einer kann den Stein der Weisen besitzen. Alles andere “kann (und muss damit) weg” .
Wer in der SPD aus Ämtern gebissen wird, hat deswegen noch lange keinen “Einfluß”, geschweige denn einen “großen”, weder in der Basis, noch sonstwo in der SPD.
Wenn jemand mit nur einem Fitzelchen Regierungsmacht Bemäntelter eine mahnende Stimme -wie z.B. Mützenich- rausbeisst, dann sagen mindestens 3/4 der Basis “wir müssen zusammenstehen” und meinen damit, dass die Beisser schon wissen werden was und warum sie es tun.
Die versprengten Friedensbewegten in der SPD, die Pisstorius und seine autoritären Anschauungen und Anwandlungen als gefährlichen Irrweg betrachten, wie der Eppler-Kreis, disputieren gern und viel und vorallem streng unter sich. Denn
sonst müsste man sich ja mit Dissidenten und anderen “linken Splittergruppen” wie BSW, Linken, DKP oder Gott behüte! MLPD auseinandersetzen oder mit gar AfD-nahem Gesindel auf Friedensdemos zeigen. Und das:
Geht gar nicht!
Und so geht die SPD halt weiter ungebremst und damit der Schwerkraft und dem Mainstream folgend (denn in dem liegt ja angeblich alle politische Potenz) den Bach runter.
Am Ende war dann alles, geschichtlich betrachtet, “wie ein großer Blitz aus heiterem Himmel”, wo doch immer alle alles richtig gemacht haben und nur das Beste wollten.
15. Mai 2026 @ 11:38
“@KK: „keinerlei Einfluss“ – das ist falsch:…”
Ach? Wo hat der EEK denn tatsächlich Einfluss auf die aktuelle Regierungspolitik der SPD? Ein Beispiel würde mir aschon genügen!
14. Mai 2026 @ 22:43
@ebo:
Herzlichen Dank für diesen Beitrag und den Link auf den kompletten Artikel von Arno Gottschalk!
Offenbar gibt es in der Seeheimer Partei Deutschland (SPD) einzelne Abweichler, die mit der Realität noch nicht gebrochen haben. Leider nicht im Bundestag oder gar auf EUropäischer Ebene. Herr Gottschalk ist Bremer Lokalpolitiker.
Ob der Erhard-Eppler-Kreis, auf dessen Seiten der Artikel veröffentlicht wurde, irgend einen Einfluss in dieser Partei hat, ist mir nicht bekannt. Gemerkt habe ich jedenfalls noch nie etwas davon.
15. Mai 2026 @ 00:03
Der Eppler-Kreis war mir auch neu. Gottschalk ist auf X ziemlich aktiv!
15. Mai 2026 @ 00:25
Der Eppler-Kreis geistert doch u.a. mit seinem offenen Brief schon länger herum – allein, er hat keinerlei Einfluss auf die tatsächlich entscheidenden Parteigremien.
15. Mai 2026 @ 05:43
@KK: “keinerlei Einfluss” – das ist falsch: Rolf Mützenich halten die Granden der Seeheimer für so gefährlich, dass sie ihm keinerlei Funktion in ihrem riesigen Parteiapparat gönnen! Mützenichs Einfluss ist ganz enorm.
In der Friedensbewegung ist der Erhard Eppler-Kreis sehr wohl bekannt und gut eingeführt (teils auch ambivalent, wie bei der SPD leider üblich). Und warum soll nicht ein Ökonom, Arno Gottschalk, in Bremen Kommunalpolitik treiben, wenn er sich dadurch die Unabhängigkeit und geistige Frische bewahrt, solche fundierten friedenspolitischen Beiträge in dem bundesweiten Diskussionszusammenhang schreiben zu können?!!
An dem Beitrag des Gottschalk schätze ich sehr hoch, dass er die Grundsätze der Friedenssicherung zum Tragen bringt, die ich einst im Politikstudium gelernt habe, die aber heute weitgehend aus Hochschulen, Politik und Medien vertrieben sind.
Vielen herzlichen Dank Ebo! Diesen Blog des Eppler-Kreises kannte ich noch nicht und habe ihn sofort abonniert.
14. Mai 2026 @ 19:18
Wenn das der Russe liest, greift er morgen Deutschland an, denn er hat das alles, unter seinem Hut. Wir müssen unbedingt und sofort die Mobilmachung starten, damit auch wirklich nichts übrig bleibt, zumindest kein Humankapital.
14. Mai 2026 @ 22:08
Als ob “der Russe” das nicht schon alles längst wüsste! Genau deshalb will der doch ums Verrecken die NAhTOd nicht in der Ukraine…
14. Mai 2026 @ 19:12
Ich lese hier etwas über Augen, Nervensystem und Gehirn. Alles Dinge, die unseren politischen Eliten abhanden gekommen sind. Darum sehen sie die einzige Zukunftsperspektive in autonomen Waffen.
Keine Tagesschau ohne Waffenschau!
14. Mai 2026 @ 17:52
“…die Einbindung in eine globale US-Militärarchitektur mit eigenen Eskalationsrisiken”.
Die selbe Ungeheuerlichkeit, wie beim Geheule nach dem europäischen “nuklearen Schirm”: Frankreich oder GB stellen die nuklearen Kapazitäten, haben aber die ausschließliche Befehlsgewalt, der “Nuklearschirm” selbst aber macht Deutschland noch mehr zum Angriffsziel, als es ohnehin schon wäre. Dieses unmenschliche, zynische, nukleare “über-Bande-Spielen” scheinen deutsche Militärexperten nicht zu erkennen – oder ist es ihnen einfach wurscht? Nach alldem, was ich im Hinblick auf Deutschlands “Sicherheitspolitik” seit 2022 mitansehen muss, vermutlich letzteres.
14. Mai 2026 @ 18:08
Für diesen “Nuklearschirm” hat sich heute auch Grünen-Chefin Brantner ausgesprochen. Schwarz-grün kann kommen 🙂
16. Mai 2026 @ 13:18
@ebo
Na klar, damit wäre ja Frankreich die Zielscheibe Nr.1 – den Nuklearschirm müsste Russland zuerst ausschalten.
Wäre Deutschland konsequent, müsste es jetzt die Truppenstationierungsabkommen mit den Amerikanern kündigen. Ich schätze mal, da kommt von der zukünftigen europäischen Führungsmacht nichts.
14. Mai 2026 @ 22:10
Der “Nuklearschirm” wird sich am Ende doch nur als Fallout erweisen… und gegen den nutzt so ein Schirm herzlich wenig.