Unser 11. September

Der Angriff auf „Charlie Hebdo“ war weder der erste noch das schlimmste Attentat in Europa. Doch die beeindruckende Reaktion in Paris und der ganzen Welt zeigt, dass auch dieser Anschlag einen Wendepunkt markiert – ähnlich wie der 11. September in New York. Was folgt daraus?

Madrid, London, Toulouse, Brüssel – seit dem 11. September hat es in Europa schon viele schlimme Attentate gegeben, die auf radikale Islamisten zurückgehen.

Doch noch nie zielten Terroristen so direkt und so brutal auf einen Grundpfeiler der europäischen Kultur: Die Meinungs- und Pressefreiheit.

Und noch nie war die Reaktion von Politik und Gesellschaft so eindeutig und entschieden wie in Paris, wo am Sonntag mehr als eine Million Menschen auf die Straße gegangen sind.

Sogar Präsident Hollande war dabei, obwohl französische Staatschefs sonst (fast) nie demonstrieren. Auch viele EU-Politiker kamen, darunter Kommissionschef Juncker und Kanzlerin Merkel.

Die richtigen Lehren ziehen

Es ist gut und wichtig, dass die Europäer ein Zeichen setzen gegen Terror, Fremdenhass, Antisemitismus und einen Gewaltkult, der ans finsterste Mittelalter erinnert.

Doch was kommt danach? Werden die EUropäer endlich die Lehren aus dem 11. September 2001 ziehen – und ihre Fehler im Irak, in Syrien und in Nahost korrigieren?

Auch interessant:  Streik in Belgien, Aufstand in Frankreich

Das sind die Brandherde, die derzeit tausende junge Europäer anziehen und zu Terroristen machen. Man darf gespannt sein, was unsere EU-Außenpolitiker dazu sagen, vor allem die „neuen Europäer“.

Völlig falsche Prioritäten

Bisher setzen sie falsche Prioritäten – und verteufeln Putin, statt den wahren Gefahren für die „europäische Friedensordnung“ ins Auge zu sehen, die übrigens auch in der Türkei lauern.

Mindestens genauso wichtig ist aber die Reaktion nach innen. Natürlich müssen jetzt die Sicherheits-Maßnahmen überprüft und ggf. verschärft werden.

Klar ist aber auch, dass neue Passagierdaten-Abkommen, wie sie etwa EU-Ratspräsdient Tusk fordert, im Fall „Charlie Hebdo“ nichts gebracht hätten.

Bedrohung aus dem Homeland

Gegen die Bedrohung von innen – aus dem „Homeland“, wie es neudeutsch heißt – nutzen die meisten aktuellen Antiterror-Maßnahmen nichts; das ist offensichtlich.

Viel wichtiger wäre daher, endlich das leere Versprechen einzulösen, etwas gegen Jugendarbeitslosigkeit und Ausgrenzung in den Problemvierteln von Paris, London oder Hamburg zu tun.

Dazu müsste sich allerdings auch die Wirtschafts- und Sozialpolitik insgesamt ändern. Ich habe Zweifel, ob Tusk, Merkel & Co. dazu bereit sind…

Siehe auch: „Die Schuld der neuen Europäer“ und „Schlafwandler am Feuerring“ sowie „Streit um Trauermarsch“

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9 Responses to Unser 11. September

  1. Andres Müller 12. Januar 2015 at 01:21 #

    „Doch was kommt danach? Werden die Europäer endlich die Lehren aus dem 11. September 2001 ziehen – und ihre Fehler im Irak, in Syrien und in Nahost korrigieren?“

    Die Vorhaben sind in Ansätzen bereits benannt worden. Das Auffälligste ist eben die Beschneidung diverser Freiheitsrechte und Bewegungsfreiheiten. Es scheinen auch bereits fertig vorhandene Entwürfe zur Raumüberwachung der Bürger vorzuliegen, die Beschneidung diverser Internet Aktivitäten.

    Na dann, Prosit Neujahr, auf diese Aktionen gegen die Freiheit haben offenbar nicht nur die Terroristen schon lange gehofft. Gut dass man in Zukunft die Politik durch die neue Redaktion von “Charlie Hebdo” sarkastisch begleitet sehen wird -das können die Verantwortlichen Eliten jetzt (eine Weile lang!) nicht verhindern. Für mich ist das tatsächliche Ende von “Charlie Hebdo” aber nur eine Frage der Zeit. Deren Karikaturisten haben jetzt vielleicht mehr Macht als vielen Politikern und Hintermännern von Politik und Ökonomie Recht ist.

  2. Michael 12. Januar 2015 at 07:29 #

    Dass „neue Passagierdaten-Abkommen“ „nichts gebracht hätten“, scheint mir nicht so eindeutig; vor allem aber ist natürlich eine Maßnahme nicht deshalb sinnlos, weil sie ein einziges konkretes Verbrechen nicht verhindert hätte. Natürlich würde es allerdings nicht genügen, Daten zu sammeln, man müsste auch gegen die entsprechenden Menschen vorgehen.
    Und wie kommen Sie darauf, hier wieder Ihren Spezialstar Putin als Verbündeten gegen die „wahren Bedrohungen“ ins Spiel zu bringen? Dieser windige Opportunist ist gegen nichts und niemanden ein verlässlicher Verbündeter.

  3. pino 12. Januar 2015 at 11:10 #

    @Michael:Sie sind ja mal so ein richtiger Vollpfosten.

    • ebo 12. Januar 2015 at 11:17 #

      @pino
      Bitte keine Beleidigungen, könnten Sie Ihre Meinung begründen?

  4. winston 12. Januar 2015 at 12:04 #

    Ich erinnere an das Attentat in London.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Terroranschl%C3%A4ge_am_7._Juli_2005_in_London

    und Madrid.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Madrider_Zuganschl%C3%A4ge

    Das Attentat an Charlie Hebdo ist nicht das schlimmste Attentat in Europa.

    Der Spin dürfte klar sein: Es bracht „mehr Europa“ um sich gegen den Terror zu schützen.

    Man instrumentalisiert die Terroranschläge an Charlie Hebdo für den Spin „mehr Europa“, während die EZ absäuft. Die EZ ist jetzt offiziell in die Deflation abgerutscht.

    http://de.tradingeconomics.com/euro-area/inflation-cpi

    Wahrend des Terroranschlags in Paris, empfang Merkel den Nazisympatisanten Januschek und Poroschenko lief gestern in Paris mit, während seine Nazihorden in der Ostukraine Menschen umbrachten.

    Was gab’s damals für ein Aufschrei wegen Jorg Heider und heute duldet, nein unterstützt man sogar öffentlich bekennende Nazis.

    Mir wird dieses Europa immer unheimlicher.

  5. GS 12. Januar 2015 at 16:57 #

    Merkel heute: Der Islam gehört zu Deutschland. Klasse.

    • ebo 12. Januar 2015 at 17:23 #

      @GS
      Die Aussage an sich finde ich nicht schockierend, sie beschreibt eine gesellschaftliche Tatsache. Schockierend ist allerdings, dies ausgerechnet dem türkischen Premier zu sagen. Schließlich steht die Türkei in dringendem Verdacht, den „Islamischen Staat“ durch Nichtstun zu fördern. Gerade erst wurde bekannt, dass die flüchtige Terroristin aus Paris über Istanbul zum IS nach Syrien entkam. Zudem kommen immer mehr Bootsflüchtlinge auf Seelenverkäufern aus der Türkei nach Italien. Doch dazu schweigt Merkel, jedenfalls öffentlich…

      • GS 13. Januar 2015 at 17:51 #

        Schockierend ist sie vielleicht nicht, aber falsch. Es gibt Muslime in unserem Land, ja. Aber den Beitrag des Islams zu unserer Geschichte, unseren Sitten etc. halte ich für äußerst überschaubar. Frau Merkel (wie auch Wulff damals) erwecken mit solchen Formulierungen den Eindruck, genau das sei der Fall.

    • hansbert hassenmeier 15. Januar 2015 at 20:39 #

      Merkel gehört auch nicht zu Deutschland. Sondern zur BRD-GmbH !

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