Die Schweiz kapituliert


Prompt schnellte der Schweizer Franken in die Höhe, Euro und Börse gingen in den Keller. Ist damit die Eurokrise zurück? Oder lösen sich nun „nur“ die Verspannungen, die diese Krise ausgelöst hatte?

Die SNB versuchte, ihre Kehrtwende als Rückkehr zur Normalität zu verkaufen. Die Schweizer Unternehmen seien lange genug vor einer Verteuerung des Franken geschützt worden, die die Exporte gefährdet hatte.

Doch in Wahrheit hat sie wohl vor den Märkten und der Europäischen Zentralbank EZB kapituliert. Die EZB will am 22. Januar mit massiven Anleihekäufen eine weitere Lockerung ihrer Geldpolitik beschließen. Das kann den Euro weiter schwächen.

Die SNB müsste dann noch mehr Euro kaufen, um das alte Mindestziel zu verteidigen – und dazu hat sie vermutlich nicht die Mittel. Die Eurokäufe würden schlicht zu teuer für die Schweizer Notenbank.

Nun komme ein „Tsunami“ auf die Eidgenossen zu, fürchtet Swatch-Chef Hayek. Denn nicht nur die berühmten Swatch-Uhren, auch Urlaub in der Schweiz wird auf einen Schlag teurer.

Auch Euroland muss sich auf turbulente Zeiten einstellen. An den Finanzmärkten herrscht helle Aufregung. Denn es gibt ja nicht nur die Schweiz, sondern auch Russland und Griechenland.

Die Nervosität könnte in Panik umschlagen, wenn EZB-Chef Draghi nächste Woche doch nicht wie erwartet handelt – oder wenn sein Anleiheprogramm floppt.

Lesetipp:  Könnte mal jemand Erdogan antworten? (ii)

Siehe auch “Euroland ist abgebrannt” und “Schweizer Käse”

 

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27 Responses to Die Schweiz kapituliert

  1. Tim 16. Januar 2015 at 11:08 #

    Ich hoffe ja noch immer auf den Alpenstaat: Süddeutschland, Südostfrankreich, Norditalien, Schweiz, Österreich, Slowenien unter einem (weiten) föderalen Dach. Die Keimzelle eines neuen und vernünftigeren Europas.

    Vielleicht wird es ja bis 2100 etwas.

    • Nemschak 16. Januar 2015 at 12:40 #

      Ein Alpenstaat, wie von Ihnen beschrieben, ist geopolitisch langfristig nicht lebensfähig. Wenn es die EU schafft, ihre jetzigen Probleme zu lösen und nicht den Weg des geringsten politischen Widerstands geht, hat Europa die Chance, im Jahre 2050 die stärkste wirtschaftliche Weltmacht zu sein.

      • Tim 16. Januar 2015 at 13:43 #

        Das habe ich 1990 auch noch geglaubt. Letztlich durch den Vertrag von Lissabon ist das aber unmöglich geworden.

      • DerDicke 16. Januar 2015 at 15:29 #

        DER war gut 🙂
        In den letzten 15 Jahren sind ja in Südeuropa wahrlich blühende Landschaften entstanden. Zumindest dort, wo die Natur sich die verlassenen Bauruinen zurückerobert.
        Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist – die Probleme der Eurozone nehmen exponentiell zu. Ich hoffe, als Österreicher haben Sie keine Kredite in SF am laufen? Da werden einige Häuslebauer gestern sehr bleich geworden sein.

  2. Andres Müller 16. Januar 2015 at 11:33 #

    Der Buch-Verlust der Schweizer Notenbank beträgt im Moment ca. 60 Milliarden Euro!

    Aus meiner Sicht hat der Notenbankchef Jordan und seine Berater keinen guten Ausstieg aus der Anbindung erreicht, denn es hätte Optionen gegeben stufenweise auszusteigen, zum Beispiel den Kurs des Euro mit dem US$ in einem gemeinsamen Warenkorb zu verrechnen oder sich ganz dem US$ anzuschliessen.

    Warum der Ausstieg gerade jetzt kommt dürfte tatsächlich aus Angst vor einem weiteren Absturz des Euro wegen Interventionen der EZB geschehen sein. Auch das auseinanderdriften von Euro und US$ erzeugte immer grössere Spannung.

    Bei weiterer solchen Auseinanderdriftens von Euro und US$ hätte die SNB unter Umständen zu viele Euros aufkaufen müssen um die Anbindung aufrecht zu erhalten.

    Der Verlust der SNB ist nun aber trotz solcher Erwägungen extrem hoch für unser Land geworden, so dass ich den Ausstieg im Moment als nicht gelungen betrachten kann. Im Moment ist eine Katastrophe geschehen, sie wurde nicht verhindert.

    Es gilt nun noch abzuwarten was EZB-Draghi nächste Woche tatsächlich bekannt geben wird, je nachdem wird man danach den Herrn SNB-Jordan in die Wüste schicken wollen oder ihn zum Retter ernennen -alles scheint noch möglich.

    • ebo 16. Januar 2015 at 11:54 #

      Hier in Brüssel wundert man sich auch über den ungeschickten Ausstieg. Warum nicht schrittweise, warum keine Ankündigung? Das sorgt für unnötige Unruhe…

      • Nemschak 16. Januar 2015 at 12:36 #

        Schrittweise ist eine Illusion. Die Märkte würden diese Strategie rasch durchschauen und einen Ausstieg erzwingen. Selbst Notenbanken von starken Währungen können sich auf Dauer nicht gegen die wirtschaftlichen Realitäten stemmen. Durch die von der SNB getroffene Maßnahme wurde der Buchverlust ihrer Auslandsforderungen mit sfr 60 Mrd. begrenzt, angesichts des hohen Gewinns für 2014 (SFR 38 Mrd.) durchaus verschmerzbar. Die schweizerische Wirtschaft, die traditionell einen starken und stärker werdenden Franken gewohnt ist, wird die Verteuerung ihrer Exporte (15%)durch Produktivitätssteigerung über kurz oder lang auffangen.

      • GS 16. Januar 2015 at 12:41 #

        Wundert man sich darüber tatsächlich in Brüssel? Lässt ja auch tief blicken. Was wäre wohl passiert, wenn man es vorher angekündigt hätte? Alle Welt hätte sich auf den CHF gestürzt und die SNB hätte noch mehr Euro kaufen müssen.

        Der Ausstieg an dieser Stelle war schon richtig. Dramatisch falsch war es, 2011 die Untergrenze eingeführt zu haben. Eigentlich müsste Jordan für diesen Fehler zurücktreten. Jetzt hat er in seinem Büchern jede Menge Assets stehen, deren Marktwert weit unter dem Kaufpreis liegt und kaum Renditen abwirft. Saubere Leistung. Mal ganz abgesehen von den Schweizer Unternehmen, die er so überrumpelt hat.

        Aber, ebo, die ganze Aktion zeigt, was für eine Weichwährung der Euro ist. 1998 notierte die DM ggü. dem Franken bei ca. 0,85, wie auch die letzten knapp 20 Jahre zuvor. Gestern Vormittag notierte der Euro zeitweise bei 0,85. Es hat also 15 Jahre gedauert, um den Wert unserer Währung zu halbieren. Saubere Leistung. Momentan notiert der Euro wieder knapp über der Parität. Sollte aber wirklich dieses große QE kommen, dürfte es überraschen, wenn die Parität hält. Womöglich stehen wir in einem Jahr wieder bei 0,85. Und ggü. dem Dollar bei Parität.

      • GS 16. Januar 2015 at 12:43 #

        Und in Brüssel sollte man endlich aufhören, zu tun, als sei man der Nabel der Welt. Der Schritt sorgt also für unnötige Unruhe, aha. Was meinst Du wohl, was die in Bern, Washington oder Moskau über den Kokolores denken, der täglich aus Brüssel/Luxemburg/Frankfurt kommt?

      • Tim 16. Januar 2015 at 12:56 #

        Für Unruhe sorgt wohl eher, daß erstmals ein Land öffentlich sagt, daß es nicht mehr an den Euro glaubt. Nichts anderes ist ja die Entscheidung der SNB.

      • Tim 16. Januar 2015 at 13:52 #

        @ GS

        Ich weiß nicht, ob die Entscheidung damals wirklich ein Fehler der SNB war.

        Der Bevölkerung überall auf der Welt wird von den Interessenverbänden nun mal immer und immer wieder vorgekaut, daß eine schwache Währung besser als eine starke ist. Übrigens vertreten auch die Linken solche Positionen gern, wie man ja auch hier immer wieder lesen kann – eine der vielen Kumpaneien zwischen Linken und Besitzenden.

        Natürlich ist die Wirklichkeit viel komplexer, und sowohl schwache als auch starke Währungen haben Vor- und Nachteile für verschiedene Bevölkerungs- und Wirtschaftsgruppen.

        Die Leute, die von schwachen Währungen profitieren, haben aber mehr Einfluß, daher sind Abwertungen politisch stets leichter durchzusetzen. Insofern hat Jordan damals letztlich bloß ein einfaches Blatt gespielt. Nicht unbedingt ein Rücktrittsgrund, finde ich.

      • Claus Hiller 16. Januar 2015 at 15:49 #

        Eine Ankündigung hätte ich als sehr hilfreich gesehen, um mit einem größeren Betrag Euro gegen den Schweizer Franken short zu gehen. Das hätte bestimmt mehr gebracht als das ganze mühsame Riestern fürs Alter. Schade – hat wieder nicht geklappt!

  3. Nemschak 16. Januar 2015 at 13:43 #

    @TIm diese Schlussfolgerung würde ich nicht ziehen. Die Schweizer und US-Wirtschaft sind in einer unterschiedlichen (besseren) konjunkturellen Situation als die Eurozone, die mit einem schwachen Euro die Wirtschaft inflationieren will. Dies hätte, vor allem wenn die EZB zusätzliche Maßnahmen trifft, zu einem weitern Fluten der Schweiz mit Euros geführt und damit das Abwertungsrisiko der Währungsreserven der SNB massiv erhöht. Dass Wirtschaft und Gewerkschaften in solch einer Situation unisono jammern, ist natürlich.

    • Andres Müller 17. Januar 2015 at 17:09 #

      “Die Leute, die von schwachen Währungen profitieren, haben aber mehr Einfluß,”

      Das kommt von der Exportindustrie, diese ist fast vollständig in der Hand der obersten 10%. Gewinne die dort anfallen können zudem oft auch noch via Drittstaaten vor dem Fiskus versteckt werden, was bei Geschäften im Binnenmarkt (die vor allem von der KMU betrieben wird, schwieriger ist.

      • Nemschak 18. Januar 2015 at 15:40 #

        Offenbar hat der Einfluss der obersten 10% nicht ausgereicht, eine Aufwertung des SFR zu verhindern. So gesehen ist Ihre Argumentation nicht nachvollziehbar.

  4. popper 16. Januar 2015 at 14:16 #

    Ebo dein Satz:
    “Die SNB müsste dann noch mehr Euro kaufen, um das alte Mindestziel zu verteidigen – und dazu hat sie vermutlich nicht die Mittel. Die Eurokäufe würden schlicht zu teuer für die Schweizer Notenbank.”…

    …zeigt, dass immer noch nicht verstanden wird, was eine Zentralbank in Wahrheit ist, weil wir in der EWU eine EZB haben, die ihre Währung angeblich nicht schützen darf, wenn es nach den deutschen Währungshütern ginge. Dann bräuchte man sie eigentlich auch nicht.

    Nun hat ja nach seinem Vorab-Bericht der Generalanwalt des EuGH Draghi in Aussicht gestellt, dass er im Rahmen seines Mandats handet, wenn er unbegrenzt Staatsanleihen kauft. Das ist ein weiterer Schritt der EZB hin zu dem, was sie eigentlich geldtheoretisch sein sollte, nämlich ein Lender of last resort. Die SNB, die FED u.a. sindt das schon immer gewesen.

    Einer Nationalbank ist nichts zu teuer, wenn sie es in eigener Währung zahlen kann. Das heißt die SNB könnte unbegrenzt Euro am Devisenmarkt kaufen, um den Franken bei 1,20 CHF zu halten. Denn eine Zentralbank ist keine Bank die begrenzt liquide ist. Sie kann auch nie pleite gehen, denn sie schafft den CHF aus dem nichts. Ist also niemand gegenüber verschuldet.

    Insofern können die Schweizer froh sein, dass diese unsinnige Goldiniiative abgelehnt wurde. Sie hätte nämlich die Liquidität der SNB an ein endliches Medium (Gold) gebunden.

    • Tim 16. Januar 2015 at 14:41 #

      @ popper

      Du hast zwar recht mit Deinen Ausführungen, aber sie zeigen ebenfalls auch, daß immer noch nicht verstanden wird, was die EZB von einer normalen Zentralbank unterscheidet: die Zuständigkeit für wirtschafts- und sozialpolitisch unabhängige Staaten mit höchst unterschiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit sowie sehr unterschiedlichen Anforderungen an Notenbankpolitik. In einer solchen Konstellation ist eine Funktion als “lender of last resort” nun mal nicht möglich.

      Der Spalthebel ist in der Welt und wird wohl in beide Richtungen funktionieren. Kauft die EZB Staatsanleihen, werden irgendwo die Nordstaaten die Euro-Notbremse ziehen. Kauft sie keine (und gibt es keine wirksamen Reformen in F+I), steigen die Südstaaten aus dem Euro aus.

    • Nemschak 16. Januar 2015 at 19:35 #

      Natürlich könnte die SNB unbegrenzt SFR schaffen. Die Gegenposition wären aber Aktive in Euro, welche einem Wertverfall unterliegen. Am Ende des Tages hätten die Verluste der SNB nicht 60 sondern 600 Mrd sfr betragen.

  5. winston 16. Januar 2015 at 15:29 #

    Die Euro Schwäche ist angesichts des Leistungsbilanzüberschusses der EZ nicht mehr nachvollziehbar.

    http://de.tradingeconomics.com/euro-area/current-account

    Die Fehlkonstruktion “Euro” wird noch das ganze globale Wirtschaftsgefüge durcheinanderwirbeln.

  6. Nemschak 16. Januar 2015 at 19:25 #

    @der Dicke Niemand hat Häuselbauer gezwungen Kredite in SFR aufzunehmen. Die Gier…..

  7. cashca 16. Januar 2015 at 22:04 #

    Wenn der Irtum erknnt ist, wenn man in die falsche Richtung gelaufen ist, dann muß man zurück, ohne wenn und aber.
    . Da helfen keine ” Trippelschrittchen, ” sondern nur die radikale Kehrtwende, in einem einzigen großen Schritt. Die Märkte sind hier nicht die entscheidende Instanz, die passen sich schon an.
    Jede Veränderung bringt erst mal Unruhe.
    Die Schweiz muß zuerst an ihr eigenes Land denken, nicht an die Märkte und ihre Spekulanten.
    Merkel denkt umgekehrt, zuerst an die Spekulanten, dann erst an ihr Volk.

  8. Claudia 16. Januar 2015 at 22:14 #

    Die Schweiz kapituliert – eine headline in der heutigen “Qualitätspresse”! Ich frage mich: Vor wem denn? und wer hat dann gewonnen?? Gewonnen haben die Schweizer, denn sie haben quasi über Nacht eine Gehaltserhöhung um 20% bekommen. Sie können sich viel mehr leisten – wir dagegen können uns immer weniger leisten, weil unsere Währung schwach ist. Die Schweiz hat eigentlich nur Draghula das Mißtrauen ausgesprochen und die Reißleine gezogen! Und das im Sinne ihrer Bürger! Wann ziehen wir die Reißleine?

    • Nemschak 17. Januar 2015 at 13:00 #

      Der Druck einer harten Währung auf die Wirtschaft ihre Produktivität zu steigern, um international wettbewerbsfähig zu bleiben, soll als Vorteil nicht unerwähnt bleiben. Eine notwendige Bedingung für nachhaltige Reallohnsteigerungen ist der Produktivitätsfortschritt. Wie dieser verteilt werden, wird von verschiedenen anderen Faktoren (Angebot/Nachfrage am Arbeitsmarkt, Substitutionsmöglichkeit infolge technologischen Fortschritts und globalem Wettbewerb, welche die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften einschränken) beeinflusst. Die vor Einführung des Euro Bindung des österreichischen Schillings an die DM hat der Leistungsfähigkeit der österreichischen Wirtschaft jedenfalls gut getan

  9. winston 17. Januar 2015 at 14:13 #

    Produktivitätssteigerung nützt nix, wenn man keine Abnehmer mehr hat oder sukzessive austrocknet wie dass momentan in der EZ passiert.
    Ein Kaffeebar Besitzer nützt die beste Espressomaschine die in der Lage ist 100 Espressos in der Min. rauszulassen nix, wenn er nur 10 davon absetzt und die restliche 90 kalt werden und damit ungeniessbar.

    Die Schweiz lebt von den Geldflüssen weniger von den Warenflüssen, daher rechne ich nicht mit gröberen Kontraktionen für die CH Volkswirtschaft.
    Total anders sähe die Geschichte für Deutschland aus.

    • Nemschak 17. Januar 2015 at 15:13 #

      Die Schweiz hat sehr wohl eine große Realwirtschaft. Auch in Deutschland sind die Einkommen gestiegen, wenn auch ungleich. Warum ist die Arbeitslosenrate in Deutschland um so vieles niedriger als im Süden? An der kaufkräftigen Nachfrage im Inland und im Export scheint es nicht zu mangeln. Das Wehklagen kommt vor allem von jenen Gruppen, deren Reallöhne in den letzten 15 Jahren auf hohem Niveau stagniert haben oder gar gesunken sind. Das hat aber nichts mit dem Euro zu tun sondern mit dem Umstand, dass Technologie und internationaler Wettbewerb gering qualifizierte Arbeitskräfte verdrängt haben. Warum haben die Gewerkschaften nicht mehr für diese Gruppen herausgeholt?

    • GS 17. Januar 2015 at 16:41 #

      Muss Nemschak hier zustimmen. Relativ zum BIP ist doch der Schweizer Industriesektor so groß wie der deutsche, und das ganz ohne Weichwährungssubvention.

    • Tim 17. Januar 2015 at 21:06 #

      @ winston

      Die Schweiz ähnelt sehr stark der Wirtschaftsstruktur Deutschlands: hochspezialisierte Industriefirmen, die auf vielen Wachstumsmärkten der Welt eine ausgezeichnete Position haben.

      Daß die Schweiz nur von ihren Banken lebt, ist eine populäre Fiktion für Uninteressierte.

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