Merkels neue Achse

Kurz vor dem EU-Gipfel am Samstag stellt Kanzlerin Merkel wichtige Weichen. So will sie Spaniens Wirtschaftsminister De Guindos zum neuen Eurogruppenchef machen. Paris geht leer aus – honni soit qui mal y pense.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Im selben Moment, da die französische Regierung stürzt, weil ein Minister es wagte, Merkel zu kritisieren, gibt die Kanzlerin Paris einen Tritt in den Hintern.

Anders kann man es wohl nicht nennen, was Merkel in Madrid ausbaldowert hat: Ex-Finanzminister und Ex-Lehman-Manager De Guindos soll neuer Eurogruppenchef werden – und zwar hauptberuflich.

Jahrelang hatte Paris diese neue Funktion gefordert, jahrelang hatte Berlin sich dagegen gesträubt. Nun lenkt Merkel ein – und macht einen konservativen Spanier zum neuen Euro-Sprecher.

Unter De Guindos explodierten in Spanien die Staatsschulden

Dass unter De Guindos Ägide die Staatschulden explodierten (weil Madrid die privaten Bankschulden absichern musste) und die Arbeitslosigkeit katastrophale Ausmasse annahm, spielt keine Rolle.

Wichtig ist nur, dass Madrid brav den Vorgaben aus Berlin folgte – im Gegensatz zu Paris, das Merkel immer öfter links liegen lässt. Offenbar deutet sich da eine neue Achse an.

Es war auch höchste Zeit – denn das letzte Führungstrio, mit dem Merkel Paris ausgebootet hatte, hat ausgedient. Die Niederlande und Finnland, lange Berlins treue Bündnisgenossen, sind zu schwach.

Merkel-Kritik gilt als Majestätis-Beleidigung – in Paris

Beide Länder liegen wirtschaftlich am Boden – trotz “AAA” und Bestnoten in der Wettbewerbsfähigkeit. Zudem sind sie zu klein, um der neuen Südschiene Frankreich-Italien etwas entgegenzusetzen.

Eine Zeitlang sah es so aus, als könnten Paris und Rom, Arm in Arm mit den Genossen aus Berlin, den Austeritätskurs in der EU beenden. Es gab sogar mal ein medienwirksames Treffen Gabriel-Montebourg.

Doch nach dem Rausschmiss Montebourgs ist das vorbei. Seit Merkel-Kritik sogar in Paris als Majestätsbeleidigung gilt und entsprechend geahndet wird, ist wieder klar, wer in EUropa den Ton angibt…

 


photo credit: La Moncloa – Gobierno de España via photopin cc

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43 Responses to Merkels neue Achse

  1. Peter Nemschak 27. August 2014 at 08:19 #

    ….ein Minister stürzt, weil er eine verfehlte Wirtschaftspolitik gemacht hat. Spät, aber doch erkennt Hollande, dass mit einer linken, rückwärtsgerichteten dirigistischen Politik kein Staat zu machen ist. Die Welt des 21.Jahrhunderts ist eine andere als die der 70-iger Jahre. Strukturelle Änderungen waren von Montebourg und seinen Gesinnungsgenossen nicht zu erwarten, bloß more of the same. Übrigens, die Steuererhöhungen für Unternehmen wurden bis jetzt nur teilweise zurückgenommen. Dass eine solche Politik keinen Anreiz für private Investitionen darstellt, braucht nicht näher erläutert zu werden. Was hat die Millionärssteuer in die Staatskasse gebracht? Nichts. Solange es nicht gelingt, die Gewerkschaften an Bord zu bringen, wird sich nichts ändern. Und das ist unwahrscheinlich. Ein wenig Nachhilfe in Ordoliberalismus könnte Frankreich nicht schaden.

    • Eric 29. August 2014 at 14:38 #

      Genau, die Welt des 21. Jahrhunderts ist nichtg die der 70-er Jahre. Wir leiden an einem Mangel an Nachfrage und drohende Deflation, und nicht, wie damals, an Hyperinflation und Angebotsproblemen. Der Ordoliberalismus hilft uns dabei um keinen Zentimeter, was wir brauchen ist Keynesianismus in der Form höherer Lohne in Deutschland und einer Stimulierungspolitik im ganzen Euroraum.

  2. DerDicke 27. August 2014 at 08:24 #

    Erschreckend wie viele (Ex-) Banker in strategisch wichtigen Positionen ihre (Ex-) Arbeitgeber mit Geschenken überhäufen dürfen für die die Allgemeinheit bluten muss. Dabei sägen sie an dem Ast auf dem sie sitzen, wenn die Wirtschaft und die Währung endlich kollabieren braucht man auch keine Bank mehr.

    • Peter Nemschak 27. August 2014 at 09:26 #

      Frankreich hat derzeit keinen führenden Politiker, welcher geeignet wäre, Eurogruppenchef zu werden. Die Zeit als Pascal Lamy unter Jacques Delors Außenhandelskommissar, danach Generaldirektor der WTO war, ist lange vorbei. Es würde mich nicht wundern, wenn Hollande in absehbarer Zeit Neuwahlen ausschreiben müsste. Die Linke ist gespalten, die Unterstützung der Regierung im Parlament bröckelt zusehends.

  3. Tim 27. August 2014 at 10:17 #

    So ein Blödsinn. Montebourg ist doch nicht gestürzt, weil er Merkel kritisierte.

    • ebo 27. August 2014 at 10:19 #

      @Tim
      Warum denn sonst? Hast Du sein Interview vom Wochenende gelesen? Hollande hat er weitgehend ausgespart. Seine Kritik ging eindeutig gegen Berlin, wie in diesem Blog dokumentiert: http://lostineu.eu/paris-greift-merkel-frontal/

      • Peter Nemschak 27. August 2014 at 10:24 #

        Er musste wegen Erfolglosigkeit gehen. Alles andere ist linke Dolchstoßlegende.

      • ebo 27. August 2014 at 10:31 #

        Ach ja, und die “Erfolglosigkeit” wurde am Sonntag Abend festgestellt? Und warum musste dann auch Hamon gehen, Montebourgs Gesinnungsgenosse? Lesen Sie doch erstmal das”Le Monde”-Interview, bevor Sie dem deutschen Spin folgen.

  4. Peter Nemschak 27. August 2014 at 11:17 #

    @ebo ….weil es eine gute Gelegenheit war, strukturkonservative Linkspolitiker los zu werden.

    • ebo 27. August 2014 at 11:35 #

      Sorry, aber ich verfolge die französische Politik sehr genau. Am Sonntag Abend sagte Valls, Montebourg habe mit dem Interview eine rote Linie überschritten. Am Montag Morgen hat er zur allgemeinen Überraschung die gesamte Regierung aufgelöst. Und dann fiel “zufällig” Montebourg raus – nicht aber Sapin, der für das Schuldenproblem (mit) verantwortlich ist. – Strukturkonservative gibt es übrigens auch in Deutschland, sogar ganz oben im Kanzleramt. Merkel hat in der Eurokrise in Deutschland das genaue Gegenteil dessen getan, das sie in Südeuropa predigt. Sie hat ein Konjunkturprogramm aufgelegt, Besitzstandswahrung mit den Gewerkschaften vereinbart und alle Empfehlungen aus Brüssel in den Wind geschlagen…

      • Tim 27. August 2014 at 11:52 #

        Ja, Merkel ist auch hier Kohls beste Schülerin. Bloß nichts reformieren, wenn es Stimmen kosten könnte. Die unpolitischste Person auf dem Kanzlerstuhl, die Deutschland ja hatte.

      • Peter Nemschak 27. August 2014 at 12:43 #

        Sapin ist zwar kein Reformer, jedoch ein treuer Diener seines Herren. Mit Montebourg mussten auch zwei weitere Linksozialisten den Hut nehmen. Schade? Eine Bewegung zur Mitte ist im Gang. Bisher war der Reformeifer in Frankreich, aber auch in Italien eher gebremst. Das kann man weder Deutschland noch der EU anlasten. Die Probleme sind hausgemacht und müssen von den genannten Ländern gelöst werden.

      • ebo 27. August 2014 at 13:21 #

        Schade, dass Sie und viele andere immer noch nicht in der Lage sind, ihre ideologischen Scheuklappen abzulegen. Wer hat uns denn die Finanz- und Eurokrise beschert? Neoliberale und neokonservative Politiker vom Schlage eines Bush, Blair oder Barroso. Und wer nimmt die Warnungen einer Lagarde oder eines Draghi ernst? Montebourg hat es wenigstens versucht. Was Sie “Linkssozialisten” nennen, sind in Wahrheit klassische Sozialdemokraten. Und was Sie “Reformeifer” nennen, heißt Sozialabbau und neue Geschenke für Banken und Unternehmen. Nur: Wenn Frankreich scheitert, scheitert auch Deutschland.

      • DerDicke 27. August 2014 at 13:24 #

        Das Problem ist die starre Währung, in deren Korsett Deutschland mit der Agenda-Politik einen Wettlauf nach unten angefangen hat.
        Bevor Frankreich hier aufholen kann sind die Nationalisten am Ruder, die Franzosen lassen sich nicht alles gefallen was die NeoLibs vorbeten.

      • Peter Nemschak 27. August 2014 at 15:13 #

        Seit gut 40 Jahren war Frankreich bis zum Eurobeitritt ein Weichwährungsland mit einer mehr schlecht als recht funktionierenden Sozialpartnerschaft. Klassenkampf bestimmte die Politik der linken Gewerkschaften. Deren Einfluss zurückzudrängen wäre vordringliche Aufgabe der neuen Regierung. Mit antineoliberalem Geschwätz lässt sich die Welt nicht verändern. Wenn ich Medien wie die NZZ, die FAZ, die FT und The Economist verfolge, habe ich den Eindruck, dass Ebo in einer anderen Welt lebt. Der Kapitalismus breitet sich rasant über die ganze Welt aus, der Sozialismus ist als Ideologie auch in der Dritten Welt auf dem Rückzug.

      • ebo 27. August 2014 at 15:58 #

        @Nemschak
        Nichts für ungut, Herr Nemschak, aber wenn Sie NZZ, FAZ und Economist bevorzugen, können Sie sich diesen Blog sparen. Ich lebe nicht in einer anderen Welt, sondern als unabhängiger und kritischer Passagier auf dem “Raumschiff Brüssel”. Mein Eindruck ist, dass dieses Raumschiff auf falschem Kurs ist (ähnlich wie die europäischen Galileo-Satelliten, Scherz muss sein) – in der FAZ werden Sie dies allerdings so schnell nicht lesen können…

  5. Peter Nemschak 27. August 2014 at 13:47 #

    Frankreich steht nicht nur ein politischer sondern auch gesellschaftlicher Strukturwandel bevor, um in der globalisierten Welt bestehen zu können. Sozialdemokratie, wie Sie sie verstehen, ist strukturkonservativ. Der technische Fortschritt und der globale Wettbewerb wird unsere Gesellschaft verändern, es wird Gewinner und Verlierer geben. Das hat mit neoliberal nichts zu tun.

  6. Johannes 27. August 2014 at 15:29 #

    Jahrelang hoffen wir Deutsche darauf, dass Frankreich endlich bereit ist sich für den Euro und für den Frieden Europas fit zu sparen, doch Frankreich kann oder will nicht, bis heute.

    Wohlgemerekt, wir Deutschen haben uns fit gespart, jetzt müssen die anderen liefern oder sie gefähreden den europäischen Frieden!

    Und wunderschön dieser Satz: “Merkel-Kritik gilt als Majestätis-Beleidigung – in Paris!” Der könnte auch so lauten “Euro-Kritik gilt als Gotteslästerung – in Deutschland!” 🙂

    • thewisemansfear 27. August 2014 at 19:22 #

      “Wohlgemerekt, wir Deutschen haben uns fit gespart, jetzt müssen die anderen liefern oder sie gefähreden den europäischen Frieden!”
      Ernst nehmen konnte man dich schon früher nicht, aber das zeugt von einem groben Unverständnis, wie Wettbewerbsfähigkeit funktioniert.
      Möge die Logik mit dir sein!

  7. Peter Nemschak 27. August 2014 at 16:30 #

    @ebo Wer Kritik austeilt sollte auch imstande sein Kritik einzustecken. Das Raumschiff Brüssel hat viele Passagiere, manche mehr, andere weniger aufgeregt.

    • ebo 27. August 2014 at 16:52 #

      In den Mainstream-Medien werden Sie wohl kaum erfahren, was Montebourg genau gesagt hat, und dass unter De Guindos die privaten Bankschulden auf den spanischen Staat übergewälzt wurden (eine Forderung Merkels). Dort lesen Sie nur die offiziellen Verlautbarungen, die oft noch durch die jeweils nationale Brille gefiltert wurden. So ist De Guindos nach offizieller deutscher Lesart eine super Wahl (Dijsselbloem war es natürlich auch – komisch, dass er nun gehen muss. Und war nicht mal Schäuble für den Job vorgesehen?). Und Montebourg ist ein dogmatischer Linkssozialist aus dem 19. Jhdt. Logo.

      • Peter Nemschak 27. August 2014 at 17:09 #

        Als die spanischen Bankschulden auf den Staat überwälzt wurden gab es die europäische Bankenunion noch nicht einmal im Ansatz. Auch in Zukunft wird sie das Problem nicht lösen können, solange die Großbanken, Deutsche, BNP, Barclays nicht wesentlich stärker als vorgesehen kapitalisiert werden. Die spanischen Bankschulden hätte ich mir weder als EU noch als Deutschland umhängen lassen. Schließlich hat die spanische Aufsicht die dortige Immobilienblase sehenden Auges entstehen lassen – ein klassischer Fall von nationalem Politikversagen ebenso wie die Subprimegeschichte unter der nicht neoliberalen Regierung Clinton Mitte der 90-iger Jahre.

      • ebo 27. August 2014 at 19:16 #

        Lieber Herr Nemschak, vermutlich lesen Sie diesen Blog noch nicht lange genug, aber ich habe die spanische Krise hier im Detail verfolgt. Madrid hat sich zunächst mit Händen und Füssen gegen die Übernahme der Bankschulden gesträubt und die EZB um Hilfe gerufen. Zudem wurden mit Rom Pläne für eine Bankenunion sowie für eine direkte Rekapitalisierung von Banken durch den ESM entwickelt. Wer das alles verhindert, verwässert und auf die lange Bank geschoben hat, muss ich Ihnen nicht sagen. Schließlich waren deutsche Banken ja besonders in Spanien exponiert, da musste man schnell den spanischen Staat zur Rechenschaft ziehen, obwohl der zuvor alle Maastricht-Kriterien musterhaft eingehalten hatte (ähnlich wie Irland). Anders gesagt: die Spanier zahlen für die Rettung deutscher Banken, die sich in spanischen Anlagen verzockt hatten. Merkel und De Guidos sind die Hauptverantwortlichen.

      • Tim 27. August 2014 at 18:13 #

        @ ebo

        Vielleicht begreifst Du irgendwann auch einmal, daß das Abwälzen privater Schulden auf den Staat so ziemlich das Gegenteil von neoliberaler Politik ist, die Du ja bei der Eurokrise bizarrerweise hinter allem vermutest, was Dir nicht gefällt.

        Aber verwende Begriffe ruhig in beliebiger Weise. Beliebigkeit ist ja ein Brüsseler Markenwert. 🙂

      • ebo 27. August 2014 at 19:11 #

        @Tim
        Da gebe ich Dir völlig recht. Neoliberal war nicht die Quasi-Verstaatlichung der spanischen Bankschulden auf deutschen Befehl, das war ein protektionistisches Diktat. Neoliberal waren die Politiken, die Spanien anschließend zur “Sanierung” seines Haushalts aufgezungen wurden. Das Ergebnis lässt sich besichtigen: Banken saniert, Staat ruiniert, Bürger hoffnungslos (nun kommen sie nach Deutschland, hallelujah!)

  8. winston 27. August 2014 at 17:03 #

    Alle Währungen haben gegenüber der DM massiv abgewertet, ausser der DM Raum. Das hat mit Klassenkampf rein gar nix zu tun, sondern mit Makroökonomie.
    Der Dollar und das Pfund haben gegenüber der DM von 1953 bis 1998 ca. 400% abgewertet, richtiger wäre allerdings die DM hat gegenüber Dollar und Pfund 400% aufgewertet.

    Je früher Holland das Handtuch wirft, desto besser für Europa.

    Eine Bemerkung am Rande, auch Österreichs Finanzminister ist zurück getreten, also brodelt es nicht nur in Frankreich, es brodelt praktisch überall, die Eurozone versinkt immer mehr im Chaos. Planlosigkeit und Beratungsresistenz überall.

  9. winston 27. August 2014 at 18:30 #

    Janet Yellen(FED) setzt offensichtlich ganz andere Prioritäten als die EZB, Oberste Priorität hat bei Yellen der Arbeitsmarkt, Ziel ist Langzeitarbeitslose und hier vor allem die Gruppe die aufgehört hat auf Arbeitsuche zu gehen, wieder in den Arbeitsmarkt zu bringen, nebenbei setzt sich Yellen auch für höhere Löhne ein.
    Sollte Ihr das gelingen, sehen wir nächstes Jahr die ersten Zinserhöhungen in den USA, dann dürfte der Eurozone definitiv die Luft ausgehen, umso mehr wenn Frankreich auch noch anfangen sollte zu Sparen. Es wird massiv Kapital von Europa Richtung USA fliessen.

    Ich finde die Aussenpolitik der USA momentan auch bedenklich, bezüglich Ökonomischer Sachverstand sind sie aber den Europäern Lichtjahre voraus.

  10. Urs 27. August 2014 at 20:30 #

    Schon erstaunlich, wie der Blogverfasser Deutschland für alles Übel der Welt in die Haftung nehmen will.. Wenn in Spanien eine ganze Volkswirtschaft auf das Bauen von Zweit- und Drittwohnungen mittels Millionen von ungelernten Baukräfte gesetzt hat, ist natürlich DE schuld. Wenn die Grande Nation stetig ein Leben wie Gott in Frankreich weiterführen will, als von der Globalisierung abgeschottete einsame Insel, ist das ebenfalls Mutti Schuld. Angie, halte bloß durch mit der Austerität!!!

    • ebo 27. August 2014 at 20:36 #

      @Urs

      Lesen Sie mal das hier: http://lostineu.eu/wie-merkel-spanien-kaufen-wollte/

      Zu Merkel und Frankreich muss ich wohl nichts mehr sagen. Fragen Sie mal Herrn Gabriel, der hat sich ja erst kürzlich mit Montebourg getroffen und eine – auch in den Mainstream-Medien ziemlich aufgeregt kommentierte – Initiative gestartet.

      • Peter Nemschak 28. August 2014 at 09:38 #

        Dass die Bankenrettung volkswirtschaftlich notwendig war, kann man schwer bestreiten. Allerdings hätte sie primär durchaus zu Lasten der Aktionäre und nachrangigen Gläubiger gehen können (schwedisches Modell der 90-iger Jahre). Warum die Kosten der irischen und südländischen Bankenrettung der EU oder Deutschland umgebunden hätten werden sollen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Schließlich hat Deutschland die Kosten der Sanierung der Hypo Real Estate und die Schweiz jene der UBS selbst getragen. Auch die Abwicklung der österreichischen Hypo Alpe Adria Bank muss vom österreichischen Steuerzahler berappt werden. Dass die deutschen Banken indirekt von der Rettung der spanischen Banken durch den spanischen Staat profitiert haben, ist a priori nicht verwerflich, wenn auch eine unbeabsichtigte Nebenfolge. Analoges gilt für die Gläubiger der UBS. Selbst wenn die Bankenunion früher gekommen wäre, hätte der Steuerzahler nichts davon gehabt, da der Sicherheitspolster, den die Banken über Jahre ansparen müssen, zum damaligen Zeitpunkt nicht existiert hätte. Nebenbei bemerkt ist auch die derzeitige Lösung – zentrale Aufsicht durch die EZB, Einbeziehung von Aktionären und Gläubigern – zwar besser als der vorherige Zustand aber für die multinationalen Banken (Deutsche, BNP, Barclays) unzureichend. Deren Kapitalpolster müsste mindestens doppelt oder dreifach so hoch sein, um Risiken abzufangen. Eine geordnete Abwicklung über viele Rechtskreise hinweg ist eine Illusion, wie Fachleute versichern.

  11. Peter Nemschak 27. August 2014 at 21:09 #

    @ebo Bis Zypern passierte, konnten Banken, deutsche, österreichische und andere davon ausgehen, dass, zumindest was die Senior Debt betrifft, Banken von ihren Regierungen nicht fallen gelassen werden, da sonst die Bonität des jeweiligen Landes leiden würde (implizite Haftung des Staates). Dass soviel Geld in den Süden floss, hat damit zu tun, dass die Banken und Staaten im Süden etwas mehr für ihre Anleihen in Euro zahlten als Banken in Deutschland. Allerdings war der Renditeunterschied gering, was den Schluss nahe legte, dass keine namhafte Bank noch ein Staat im Euroraum fallen gelassen würde. Dieser Schluss war aus Einzelbanksicht auch nicht falsch.
    Dass die lokalen Aufsichtsbehörden in ihrer Verantwortung eine Immobilienblase verhindern hätten können, sollte auch nicht unerwähnt bleiben. Genau diese (richtige)Politik verfolgt derzeit die Bank of England, wenn sie von den privaten Kreditnehmern erhöhte Eigenmitteleinschüsse bei Hypothekardarlehen fordert, um den in London bereits überhitzten Markt zu dämpfen. Dass Staatsanleihen von EU-Ländern, unabhängig von deren Bonität, nach wie vor von den in sie investierenden Banken nicht mit Eigenkapital zu unterlegen sind, zeigt, das die Bankenregulierung (Basel) nach wie vor mit schweren Fehlern behaftet ist. Dies beweist, dass, ohne die Banken exkulpieren zu wollen, auch der Staat nicht allwissend ist. Daher rührt u.a. meine Skepsis gegenüber den Bürokraten und ihrem Dirigismus.

    • Tim 28. August 2014 at 07:37 #

      Das Nullrisiko von Staatsanleihen ist tatsächlich ein Skandal. Das Signal der Politik an die Banken ist unmißverständlich: Seid so unbekümmert wie nur möglich, wir hauen Euch im Notfall immer raus. Natürlich steckt dahinter der nie endende Finanzhunger der Staaten, befeuert von allen politischen Lagern. Daß sich aber ausgerechnet auch die Linke hier als Drückerkolonne der Banken betätigt, ist ein Treppenwitz der Geschichte.

      Hinzu kommt ja noch der unsinnige Ruf nach immer mehr unwirksamen Regulierungen – mit der Folge, daß nur noch sehr große Banken den gesetzlichen Bedingungen überhaupt entsprechen können. Auch hier kommen die lautesten Rufe aus dem linken Lager. Auch hier ist die Linke der beste Freund der Großbanken.

      • ebo 28. August 2014 at 09:42 #

        @Tim
        Es war Merkel, die die Sozialisierung der privaten Bankschulden in ganz Euroland durchgedrückt hat – zu Lasten der Steuerzahler, zu Gunsten der deutschen Kapitaleigner. Denn es ging bei der ganzen Euro”Rettung” nur darum, die deutschen Banken und Anleger zu stützen, die sich im Ausland verzockt hatten. Übrigens weigert sich Schäuble bis heute, die Namen jener Institute offen zu legen, die von Finanzhilfen in den Eurokrisenländern profitiert haben.

      • Tim 28. August 2014 at 10:05 #

        @ ebo

        Klar, Merkel kann in Euroland bekanntlich alles allein entscheiden. Wenn es nach Dir geht, ist sie wahrscheinlich auch für verregnete Sommerferien verantwortlich.

        Hab ich in den letzten Jahren was verpaßt? Haben die anderen Regierungschefs für eine neoliberale Lösung mit harten Bankenpleiten gekämpft? Wäre ja schön gewesen, ist aber natürlich nicht passiert.

        Merkel ist eine schlechte Kanzlerin, aber sie ist keine Diktatorin. “Entscheidungen durchdrücken”, “Spardiktat” – merkst Du überhaupt noch, was Du da manchmal schreibst?

      • ebo 28. August 2014 at 11:02 #

        Lies mal U. Beck “Das deutsche Europa” oder P. Legrain, den ehemaligen Barroso Berater

  12. Peter Nemschak 28. August 2014 at 10:27 #

    @ebo es ging darum, den deutschen Steuerzahler vor den Folgen der Bankenexzesse in Irland und im Süden zu schützen. Warum sollte der deutsche Steuerzahler für die jahrelange regionale spanische Korruption bei deren öffentlichen Banken (cajas) herhalten? Die anderen EU-Mitglieder mussten auch nicht für die Sanierung der Hypo Real Estate bluten.

  13. Peter Nemschak 28. August 2014 at 18:31 #

    Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass Spanien im 1.Halbjahr Wachstumsmeister unter den Großen in der EU war.

  14. Lloretta 29. August 2014 at 06:56 #

    Bei der Euro-Rettung ging es nicht nur um deutsche, sondern auch um französische Banken. Und andere Investoren.

    • ebo 29. August 2014 at 09:57 #

      Korrekt, aber Deutschland hing am tiefsten drin und hat auch den Ton angegeben. Remember 2010, Griechenland-Krise und Landtagswahlen NRW?

    • winston 30. August 2014 at 18:58 #

      Richtig, wobei Frankreich wiederum grösster Schuldner Deutschlands ist.

      Irland, Spanien, Portugal und Griechenland wurden regelrecht mit Auslandskapital überschwemmt, wobei man das Länderrisiko komplett ausser acht lies, man dachte der Euro wird’s schon richten.

      In Irland floss soviel Auslandskapital ins Land dass das BSP 4x überstieg, da drehte wohl bei einigen Bankern total die Sicherung durch.

  15. winston 30. August 2014 at 07:32 #

    Flexible exchange rates help to absorb terms-of-trade shocks but other policy options available to insulate the economy from trade and terms-of-trade shocks are very limited”.

    (Andrews and Rees, 2009)

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