Alarmsignale vom Target-System

Nur Eingeweihte kennen TARGET, das Trans-European Automated Real-time Gross Settlement Express Transfer System der Eurozone. Doch langsam muss man sich damit beschäftigen, denn es sendet alarmierende Signale.

Die Target-Zahlen zeigen nämlich nicht nur interne Verrechnungen im Eurosystem an, sondern zunehmend auch Kapitalflucht aus dem Süden, etwa aus Italien mit seinem Bankensystem voller fauler Kredite.

Die sogenannten Target-Salden gehen neuerdings weiter auseinander als auf dem Höhepunkt der Eurokrise, wie die FAZ meldet. Auf 800 Milliarden Euro sind die Target-Forderungen der Bundesbank gewachsen, mehr als je zuvor.

Das sind zwar keine Bargeld-Forderungen. Es geht also nicht um „echtes“ Geld, das verloren wäre. Doch die Salden zeigen an, dass immer mehr Kapital aus dem Süden abgezogen und in Deutschland geparkt wird.

EZB-Chef Draghi behauptet zwar, dass dies vor allem auf seine umstrittenen Anleihenkäufe zurückzuführen wäre. Allerdings macht er sich selbst Sorgen, wie ein kürzlich bekannt gewordener Brief zeigt.

Darin droht Draghi kaum verhohlen, dass Italien seine Negativ-Salden zurückzahlen müsste, wenn es aus dem Euro aussteigen sollte. Das soll zwar vor allem italienische Euro-Gegner beeindrucken.

Doch seit Draghis Drohung werden die Target-Salden genauer beäugt – und die Tendenz ist eindeutig: Immer mehr Kapital flieht vom angeblich unsicheren Süden in das angeblich sichere Deutschland.

Als Brandbeschleuniger wirkt dabei ausgerechnet der Streit zwischen dem IWF und Finanzminister Schäuble um Griechenland. Je mehr Schäuble zündelt, desto mehr Kapital flieht nach Frankfurt.

Es ist ein falscher und gefährlicher Anreiz…

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16 Responses to Alarmsignale vom Target-System

  1. S.B. 15. Februar 2017 at 09:10 #

    Ich meine, dass in erster Linie nicht Schäuble der Auslöser für die Kapitalflucht ist. Es sind die systemischen Unstimmigkeiten im Euro-System, die dazu führen. Die Südländer schaffen es nicht, die seit Jahren von der EZB bereitgestellten niedrigen Zinsen sowie Anleihekäufe – also das billige Geld – zu nutzen, um sich wettbewerbsfähig zu machen (anders z.B. Irland). Sie versinken immer mehr in der wirtschaftlichen Bedeutungslosigkeit. Der Euro ist keine Währung, die wirtschaftlich Sinn macht, sondern ein politisches Konstrukt. Sein Einsatz zur Erreichung der damit verbundenen politischen Ziele war von Beginn an verfehlt und wurde dementsprechend konsequenterweise auch verfehlt. Es gab vor Einführung des Euro genug qualifizierte Stimmen, welche genau dieses Szenario aufgezeigt haben. Dieser Geburtsfehler des Euro ist unheilbar, es sei denn man opfert grundlegende Prinzipien und macht die EU zu einer Transferunion, die sich ja teilweise ohnehin schon ist. Die ursprünglichen politischen Ziele hätte man damit freilich trotzdem in keiner Weise erreicht. Ganz das Gegenteil wäre der Fall: eine Daueralimentation der wettbewerbsunfähigen Südländer. Besser ginge es ihnen damit freilich auch nicht. Dafür wäre ihnen die politische Fremdbestimmung durch die Nettozahler auf ewig sicher.

    Hinzu kommt die völlig politische Uneinigkeit in der EU, die letztlich auch Ursache des Brexit war. Zutreffend dieser Artikel zum Zustand der EU: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article161769171/Diese-EU-hat-ausgedient.html

    Zählt man eins und eins zusammen, ist das Projekt Euro genauso krachend gescheitert, wie das Projekt EU.

    • ebo 15. Februar 2017 at 10:05 #

      Das hat auch niemand behauptet, dass Schäuble der Auslöser der Kapitalflucht ist. Aber er ist der Profiteur, und bekommt damit falsche Anreize. Statt die Lage zu bereinigen, spitzt er sie seit Jahren immer wieder gezielt zu. Statt eine Bad Bank für alle schlechten Schulden in Euroland zu gründen (auch Deutschland hat davon eine Menge), hintertreibt er alle Lösungsansätze. That’s the problem.

      • S.B. 15. Februar 2017 at 10:56 #

        @ebo: Nein, das Problem sind der Euro, der eine dysfunktionale, weil politische Währung ist und die grundlegende Uneinigkeit der EU-Mitglieder. Es bleibt dabei. Beide Projekte sind politische Schönwetterprojekte, die nur in der Aufschuldungsphase „erfolgreich“ sein konnten. Jetzt sind wir im Kontratieff-Winter; die Schulden müssen abgebaut werden. Damit hat sich die Sache erledigt.

        Eine europäische Bad-Bank wäre nichts anderes als ein Baustein einer Schuldenunion. Nicht mein Interesse!

        D ist auch nicht der Profiteur, oder an welcher Stelle sehen Sie in D irgendwen profitieren, abgesehen von den international aufgestellten Exporteuren. Im Übrigen verrottet die öffentliche Infrastruktur, der Mittelstand erodiert in Richtung Niedriglohnsektor etc. pp.

      • Peter Nemschak 15. Februar 2017 at 11:23 #

        Warum soll Deutschland für die schlechten Banken Italiens, Belgiens oder Österreichs haften? Manche Länder haben ihr Bankensystem in den letzten Jahren besser im Griff gehabt als andere, Italien und Spanien besonders schlecht. Zuerst müssen alle nationalen Bankensysteme und die nationalen Aufsichten auf ungefähr gleiches Level gebracht werden.. Die besonders Schlechten wollen sich naturgemäß gerne bei den relativ Besseren abputzen. Erst dann ist eine gemeinsame Haftung politisch akzeptabel.

      • ebo 15. Februar 2017 at 11:42 #

        Die riskanteste Bank ist die Deutsche, sagt selbst der IWF. Die größten Beträge zur Bankenstützung wurden in Deutschland aufgewendet.

      • Oudejans 15. Februar 2017 at 13:18 #

        Da muß die Deutsche halt mal wieder mit dem rollenden Panzerschrank bei den umliegenden… Partnern! vorbeischauen, was?

  2. Peter Nemschak 15. Februar 2017 at 10:32 #

    Wenn Kapital in den letzten 50 Jahren geflohen ist, dann stets von Italien, Frankreich und dem europäischen Süden (hauptsächlich) in die Schweiz und nach Deutschland. Die Schweizer Bankfilialen in Chiasso, Lugano und Genf wissen ein Lied davon zu singen. Das beweist, dass diese Länder Reformen durchführen müssen, um für Anleger relativ zur Schweiz und Deutschland attraktiv zu sein. Diese Reformen kann nicht die EU für sie durchführen. Das müssen sie wohl selber tun, wenn sie in der gemeinsamen Währung verbleiben wollen.

    • ebo 15. Februar 2017 at 10:58 #

      @Nemschak Sie können doch nicht die Zeit vor dem Euro mit der Zeit danach vergleichen. Aus Frankreich wird im übrigen kein Kapital abgezogen. Im Gegenteil: Bei den Auslandsinvestitionen lag Frankreich lange vor Deutschland.

      • Peter Nemschak 15. Februar 2017 at 17:43 #

        Sehr wohl kann man vergleichen: haben sich die unterschiedlichen Sozialmodelle, Institutionen, Strukturen und Mentalitäten der Mitgliedsländer wesentlich angenähert? Ich behaupte, nicht wirklich, trotz intensiver Zusammenarbeit auf EU-Ebene. Aus den heutigen Targetsalden lassen sich die seinerzeitigen Auf- und Abwertungsländer herauslesen.

  3. Pjotr56 15. Februar 2017 at 10:39 #

    Besteht ein Zusammenhang mit dem deutschen Exportüberschuss, der durch die in D viel zu niedrigen Löhne gepusht wird?

    • Peter Nemschak 15. Februar 2017 at 21:29 #

      Sie können es auch anders herum sehen. Der Euro ist für Deutschland zu schwach, nicht die Löhne zu niedrig. Letzteres stimmt nicht, wenn sie die Löhne für qualifizierte Arbeit in Deutschland (Facharbeiterlöhne) mit denen in den anderen Mitgliedsländern der EU vergleichen.

  4. hjweber 15. Februar 2017 at 11:56 #

    Die Lösung ist ganz einfach, wenn Deutschland auf die eigenen Produkte eine Exportsteuer von z. B. 10% einführen würde.
    So hätten alle anderen Staaten eine Chance gegen die deutschen Minilöhne anzukommen, die Franzosen können weiter mit 60 Jahren in Rente gehen und mit den zig Milliarden aus der Exportsteuer könnte dann den Arbeitslosen einmal eine menschenwürdiges Arbeitslosengeld gezahlt werden.
    Auch die Milliarden an Kosten für die Gesundheitsversorgung der Asylbewerber müssten nicht mehr (wie die Renten bei der Wiedervereinigung) aus den Beiträgen der Versicherten bezahlt werden.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

    • GS 15. Februar 2017 at 22:59 #

      Und was hätte Deutschland davon?

      • DerDicke 16. Februar 2017 at 07:37 #

        Die Frage müsste lauten – was hat der Deutsche Arbeiter, Rentner, Arbeitslose, Beamte davon. „Deutschland“ hätte mehr Geld. Wofür auch immer… sicher nicht für die „eigenen Leute“ wie man in letzter Zeit deutlich sieht.

  5. Peter Nemschak 15. Februar 2017 at 12:37 #

    @ebo Die Deutsche Bank als riskanteste Bank wird ohne Staatshilfe durch den deutschen oder europäischen Steuerzahler wieder auf die Beine kommen. Ihr Aktienkurs hat sich im letzten Jahr verdoppelt.

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