David gegen Goliath

<h4>Braucht Europa eine Agenda 2010? Zehn Jahre nach Schröders immer noch umstrittener Initiative wird diese Frage aktuell: Beim EU-Gipfel nächste Woche will Kanzlerin Merkel den Euroländern eine Rosskur nach deutschem Vorbild verordnen. Belgien hat schon mal angefangen – mit verheerenden Ergebnissen.

Man nehme ein kleines Land an der Westgrenze Deutschlands. Es ist weltoffen, stellt den EU-Handelskommissar, ist Heimat der EU-Kommission, und orientiert sich brav an dem großen Nachbarn im Osten.

Belgien legt großen Wert auf solide Finanzen, auf „Wettbewerbsfähigkeit“, auf eine leistungsfähige Industrie. Zusammen mit den Niederlanden und Luxemburg ist es ein natürlicher Verbündeter Deutschlands.

Vielmehr: es war ein natürlicher Verbündeter. Denn seit einiger Zeit geht alles schief  – obwohl Brüssel sich an Berlin orientiert. Erst ging die Autoindustrie den Bach runter, dann die Stahlindustrie, nun auch noch der Rest.

Als Renault in Vilvoorde dicht machte, gab man noch den egoistischen Franzosen die Schuld. Als Opel in Antwerpen folgte, stellte man sich schon Fragen: War das Werk nicht moderner als das in Bochum, und rentabler – weil direkt am Meer?

Als dann auch noch Ford in Genk dichtmachte, randalierten aufgebrachte belgische Arbeiter bei Ford in Köln. Denn dass Belgien seine Autoindustrie verliert, ist nicht seine Schuld.

Es liegt einzig und allein daran, dass man in der Krise – die in der Autobranche zur Dauerkrise werden könnte – lieber einen kleinen Markt aufgibt als einem großen. Trotz guter „Wettbewerbsfähigkeit“ verliert David Belgien gegen Goliath Deutschland.

Auch interessant:  Streik in Belgien, Aufstand in Frankreich (II)

Ähnlich hoffnungslos ist der Kampf gegen die Eurokrise. Die Regierung Di Rupo hat nun schon das vierte Sparprogramm in Folge aufgelegt. Doch wegen der schlechten Konjunktur reicht das Geld hinten und vorne nicht.

Belgien droht sogar ein Defizitverfahren, weil die Stützung der Pleitebank Dexia auf das Budgetdefizit angerechnet werden soll. Im schlimmsten Fall droht deshalb sogar eine Strafe von bis zu 740 Mill. Euro, wie „Le Monde“ meldet.

Immerhin gibt es auch eine „positive“ Nachricht: die Belgier haben angefangen, den Arbeitsmarkt zu reformieren. Der bisher automatische Inflationszuschlag für die Löhne (Indexierung) soll abgeschafft werden.

Doch dagegen gehen die Gewerkschaften auf die Barrikaden. Sie drohen mit Generalstreik – Merkels Agenda-Politik kommt in Belgien gar nicht gut an. Jetzt ist auch noch der Finanzminister zurückgetreten, die Regierung wackelt.

Belgien hat seine Treue zu Deutschland teuer bezahlt. Beim letzten EU-Gipfel hat Di Rupo schon offen  Front gegen Merkel gemacht. Ob er auch beim Treffen nächste Woche „nein“ sagt?

Oder ob er einfach nur erzählt, wie es seinem Land ergangen ist? Wenn Merkel zuhören würde, könnte sie viel lernen. Wie Belgien ergeht es derzeit nämlich vielen kleinen Ländern im angeblich prosperierenden Norden…

Siehe zu diesem Thema auch: „Merkels neue Freunde schwächeln“ und „Die zweite Front
photo credit: o palsson via photopin cc

 

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19 Responses to David gegen Goliath

  1. marty 7. März 2013 at 15:50 #

    @ebo: Ich registriere mit einem Schmunzeln, dass Du Dich erneut über die gute alte Wettbewerbsfähigkeit lustig machst (bzw. sogar ihre Existenz in Frage stellst) … 😉
    Aber sie existiert trotzdem! Auch wenn das Konzept ursprünglich aus der BWL (und nicht VWL) stammt und massiv von der neoliberalen Mafia missbraucht wird. Die Wettbewerbsfähigkeit umfasst die Gesamtheit der makroökonomischen Standortfaktoren in Relation zur Konkurrenz.

    Und da bietet sich in Belgien ein durchwachsenes Bild: ja, die Nähe zu Europas Häfen Nummer 1 und 3 (Rotterdam & Antwerpen) ist ein toller Standortvorteil.
    Aber wie Du selber sagst, leidet Belgien am Fluch der kleinen Größe (kleiner Markt; kleines Lobby-Gewicht; keine einheimischen Big Player, sondern „verlängerte Werkbänke“, die im Zweifel als erste dran glauben müssen).
    Außerdem sind da noch die „weichen Standortfaktoren“, u.a. die „gefühlte Realität“: und da gilt Belgien nun mal als ziemlich dysfunktionales, recht korruptes „Messie-Land“ mit einer permanenten Staatskrise. Das mag harsch klingen, aber leider ist da teilweise auch was dran.
    Außerdem: Wallonien hat mit seinem drastischen Strukturwandel eine äußerst triste Ausstrahlung, während Flandern mit seinem immer aggressiveren Chauvinismus auch nicht immer so wahnsinnig attraktiv erscheint.

    Premier Di Rupo ist ein netter Kerl, der italienischen Lausbuben-Charme mit nördlicher Ratio vereint − und wir können ziemlich sicher sein, dass er nicht Merkels weiblichen Reizen erliegt. 😉
    Aber was kann er der neoliberalen Zuchtmeisterin entgegensetzen? Die Frau ist rationalen Argumenten unzugänglich und hat daheim und in Europa immer noch Oberwasser. (Wer weiß, wenn Deutschlands Allmachts- und Ego-Trip anhält, fordert vielleicht bald ein CDU-Hinterbänkler die Rückgabe von Eupen-Malmedy …).
    Premier Di Rupo braucht dringend Verbündete und müsste eine Allianz mit Gleichgesinnten schmieden.

    • ebo 7. März 2013 at 15:57 #

      @Marty Man könnte meinen, Du seist auch einer von diesen Standortpolitikern 🙂 Die „weichen Standortfaktoren“ sind eben vor allem eins: weich! Und die Auto-Standorte sind bald alle weg! Das liegt aber eben gerade nicht an mangelnder „Wettbewerbsfähigkeit“, sondern an mangelnder Größe. Daher ja auch der Titel.
      In Deutschland hat man gut lachen, da es der größte EU-Markt ist und selbst Opel lange gezögert hat, Bochum aufzugeben. Vorher macht man eben den Rest Europas dicht. Mit „Wettbewerbsfähigkeit“ hat das nichts zu tun, nur mit 80 Millionen Bürgern und der Macht der Gewerkschaften.
      Übrigens hat Merkels selbst größte Mühe, die „Wettbewerbsfähigkeit“ in Zahlen zu fassen. Hinter den Kulissen lässt sie dafür gerade Indikatoren suchen. Hoffentlich vergisst sie nicht den wichtigsten: die Größe eines Landes…

      • Tim 8. März 2013 at 18:32 #

        @ ebo

        Du bestreitest ernsthaft das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit von Standorten? Das kann nur bedeuten, daß Du nie selbst Unternehmer warst. 🙂

        Standorte unterscheiden sich sehr stark in allem Möglichen, je nach Branche sind mal diverse Kosten, Infrastruktur-Eigenschaften, behördliche Verfahren, gesetzliche Regulierungen oder andere Dinge von Bedeutung. Das macht es Unternehmen je nach Branche mal leichter und mal schwerer, gegen Konkurrenten aus dem Ausland anzutreten.

        Übrigens sind die Konkurrenten z.B. deutscher Firmen keinesfalls nur Unternehmen aus Euro-Ländern. Ganz im Gegenteil, wieder mal. Die Bedeutung der Euro-Zone für den deutschen Export sinkt kontinuierlich und beträgt inzwischen deutlich unter 40 %.

        Darum ist es auch unsinnig, mit Blick auf die südlichen Euro-Staaten ständig auf der Agenda 2010 herumzuhacken. Die deutsche Wettbewerbspolitik muß in den nächsten 30 Jahren auf China, China, China und (zunehmend wieder) die USA blicken. Allerdings sind es nicht mehr Kostenaspekte, die dann entscheidend sein werden.

      • ebo 8. März 2013 at 18:41 #

        Es geht um die WettbewerbsFähigkeit von Staaten! Belgien tut alles dafür und verliert trotzdem

      • Tim 8. März 2013 at 18:56 #

        @ ebo

        Staats-Wettberbsfähigkeit gibt es tatsächlich nicht. Mit „Wettbewerbsfähigkeit eines Staates“ ist immer die Wettbewerbsfähigkeit seiner Standortfaktoren je nach Branche gemeint, d.h. die Attraktivität für Investoren. Wärst Du Investor, würdest Du in Belgien investieren? Wenn nicht, warum nicht? Genau bei der Beantwortung dieser Frage ergeben sich die Möglichkeiten, die Belgien hätte, wenn es wollte.

      • ebo 8. März 2013 at 21:21 #

        @tim Da sind wir endlich beim Kern des Problems. 1. Es gibt keine Wettbewerbsfähigkeit von Staaten. Genau das versucht Merkel aber nun auf EU-Ebene durchzudrücken, nach dem Motto: wer verliert, ist nicht wettbewerbsfähig (also selbst schuld). Wie man in Belgien sieht, führt dies völlig in die Irre. 2. Es gibt den Wettbewerb zwischen Unternehmen und Standorten. Aber auch hier ist das Beispiel Belgien lehrreich. Obwohl z.B. Opel in Antwerpen moderner und wohl auch produktiver als Bochum war, wurde es dichtgemacht. Auch der Standortwettbewerb ist alles andere als gerecht und logisch (die Bochumer wissen dies nur zu gut, siehe Nokia). 3. „Wärst Du Investor“: das ist die Brille, die wir lt. Merkel alle aufsetzen sollen. Mache ich aber nicht. Denn erstens gibt es nicht nur ausländische Investoren, sondern auch inländische, die liebend gern in Belgien oder Portugal investieren würden, wenn die Kredite gegeben würden. Zweitens sind nur die wenigsten Länder in der Welt so auf Auslandsinvestitionen und Export fixiert wie Deutschland. Die meisten leben von der Binnennachfrage, und sie leben ganz gut damit. Belgien würde es auch besser gehen, wenn es nicht so exportabhängig wäre…

  2. Johannes 7. März 2013 at 17:25 #

    Die Autoindustrie produziert zu viele Autos, es gibt seit vielen Jahren eine Überproduktion. Seit Jahren sprechen Autoexperten davon, dass dies in naher Zukunft bereinigt werden wird. Und das passiert eben auch jetzt! Aber wieder Ebo, und das ist echt nur noch lustig, suchst Du die Schuld wieder bei Deutschland. Und Inflationszuschlag? Wow, hört sich richtig toll an, will auch in Deutschland 😉 .

    • ebo 7. März 2013 at 17:33 #

      Deutschland hat, was die Autos angeht, alles richtig gemacht. Aber Merkel hat unrecht, wenn sie behauptet, man müsse es einfach wie wir machen. Dass das beim besten Willen nicht geht zeigt Belgien!

      • Johannes 7. März 2013 at 22:13 #

        Niemand hat Belgien dazu gezwungen.

  3. 0177translator 7. März 2013 at 17:55 #

    Und wenn die von den Holländern (nach spanischem Vorbild) selbst gezüchtete Immobilienblase im eigenen Land mit einem Knall hochgeht, den selbst der Marsrover noch hört, sind auch die Moffen schuld. Alles klebt man Deutschland an die Backe, vielen Dank. Die Herrschaften die es betrifft, möchte ich an ein Zitat von Nikita Chrustschow erinnern: „Nicht einmal ein blödes Schwein scheißt in den Trog, aus dem es frißt.“ Chrustschow war zwar ein Linker, aber ganz gewiß kein Zeitgeist-Idiot. Und auch kein Deutscher. Für letzteres braucht man keinen Gentest.

  4. marty 7. März 2013 at 19:06 #

    @ebo: Ich sage nicht, dass ich die brutalen Regeln des real existierenden Turbo-Kapitalismus gut finde. Aber für ein kleines Land wie Belgien („David“) ist es verdammt schwer, aus diesem „Standort-Spiel“ (OK, eher ein Ratten-Rennen) auszusteigen.
    Belgien ist ein sehr sympathisches Land. Es verbindet eine genussfreudige, fast südländische Lebensart mit nordeuropäischem Wetter − faszinierend.
    Aber man kann doch bei aller Liebe nicht umhin, auf die zahlreichen Dysfunktionalitäten des Landes hinzuweisen. Du schreibst, „Belgien legt großen Wert auf solide Finanzen“ − na ja, das Land hatte schon lange eine stark überdurchschnittliche Verschuldung (um die 100% und damit weit über den Maastrichter 60% − http://www.haushaltssteuerung.de/staatsverschuldung-belgien.html#entwicklung-in-prozent-des-bip ). Und bei der Pro-Kopf-Verschuldung liegt Belgien sogar an zweiter Stelle (http://www.haushaltssteuerung.de/staatsverschuldung-europa-ranking.html#vergleich-verschuldung-eu-mitglieder-je-einwohner ). Nicht dass Schulden per se „böse“ sind − aber sie können zumindest ein Alarmsignal sein …

    Der wacklige belgische Föderalismus wirkt auch nicht unbedingt Vertrauen einflößend − im Gegenteil, er führt (noch viel, viel schlimmer als in D) zu einer totalen Lähmung des Landes. Von der schwerfälligen belgischen Justiz (auch jenseits der unsäglichen Causa Dutroux) ganz zu schweigen …
    (Zur Pathologie Belgiens vgl. auch ein Dossier in der ZEIT: http://www.zeit.de/2004/10/dutroux3 ).

    Hmm, erst hat man kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu. Ja, die Renault-Werksschließung in Vilvoorde war ein echter Schlag − zumal Renault jetzt ausgerechnet in Algerien (!) ein Werk baut (http://www.manager-magazin.de/unternehmen/autoindustrie/0,2828,880994,00.html ). Karawanen-Kapitalismus!

    „Deutschland hat, was die Autos angeht, alles richtig gemacht.“ (ebo)
    Na ja … wohl abgesehen davon, dass unsere Auto-Industrie (insbesondere die süddeutsche) ökologisch obszöne Monstrositäten produziert („SUVs“ und sog. „Premium-Autos“) − und dafür von Berlin & Brüssel auch noch mit aufgeweichten Grenzwerten belohnt wird.

  5. ebo 7. März 2013 at 21:27 #

    @marty Jetzt sitzt Du in der Falle! Der Dauerstreit zwischen Flamen und Wallonen war offenbar kein Hinderungsgrund für Renault, Opel und Ford, in Belgien Autowerke zu bauen. Auch die Staatsverschuldung war für die Konzerne nie ein Problem! Das Problem entsteht erst jetzt – denn die Autoindustrie ist weg, die Standorte sind dicht, und sie kommen auch mit der schönsten Agenda- und Standortpolitik nicht zurück!

  6. marty 8. März 2013 at 03:25 #

    @ebo: Niemand hat die Absicht, in eine Falle zu tappen … 😉
    Ich sehe hier auch gar keinen allzu großen Dissens − denn alles, was ich oben geschrieben habe, war deskriptiv gemeint und NICHT präskriptiv.
    Ich möchte nicht, dass Belgien unseren Hartz-IV-Irrsinn kopiert. So ein „race to the bottom“ kann man nicht gewinnen − und so billig wie Rumänien wird Belgien wahrscheinlich eh nie.

    Man kann die belgische Industrie-Malaise auch nicht monokausal erklären − und der innerbelgische Konflikt ist sicherlich nur einer von vielen Faktoren. [Als Renault sich in Vilvoorde ansiedelte (1935!) war die belgische Staatskrise allerdings wirklich nicht abzusehen. Andererseits zeigt die jetzt beschlossene Renault-Ansiedlung in Algerien, dass Ruhe & politische Stabilität beileibe nicht der einzige Standort-Faktor sind)].
    Dennoch hat der traurige belgische Rekord (eineinhalb Jahre ohne Regierung!) dem internationalen Ansehen des Landes bestimmt nicht geholfen …

    Ich habe im Archiv von „Le Soir“ einen tollen Artikel zu Vilvoorde gefunden, der in der Rückschau unglaublich hellsichtig (und melancholisch!) wirkt:
    Belgien war damals (1997) der größte Auto-Produzent der Welt (pro Kopf): „La Belgique, on ne le sait pas assez, est le leader mondial de l’assemblage automobile par rapport à la population!“.
    Allerdings hatte das Ganze schon damals einen kleinen Schönheitsfehler: „80% des pièces des Renault viennent de France. Une faiblesse qui caractérise, dans une moindre mesure, tout l’assemblage automobile en Belgique.“

    Und dann wird es fast prophetisch: „On dit chez General Motors que la fermeture de l’usine d’Opel à Anvers – heureusement, rien n’est prévu dans ce sens! – ne représenterait qu’une perte momentanée équivalant à 5% du chiffre d’affaires. Peu de choses pour des administrateurs observant la carte de Belgique au départ de Detroit ou d’ailleurs.“
    Yeah, wo ist dieses Belgien überhaupt? Irgendwo bei Paris? −
    Bitteres Fazit: „Il est plus que temps que l’Europe prenne un autre visage que celui des fermetures et interdictions d’aides. Les travailleurs ne croient plus à l’Europe.“
    (Ganzer Artikel => http://archives.lesoir.be/renault-vilvorde-ferme-3100-emplois-disparaissent_t-19970228-Z0DDEM.html )

    P.S.: Noch eine winzige soziokulturelle Anmerkung: Du erwähnst oben einen angedachten Generalstreik. Ein in der romanischen Welt (plus Hellas) durchaus übliches Instrument − das im protestantischen Nordeuropa völlig unbekannt ist (bei uns in D sogar verboten − und wer hat je von einem Generalstreik in Dänemark gehört?).
    Zwei der oben von Dir erwähnten drei Auto-Fabriken werden von Detroit aus gelenkt. Da die Globalisierung eindeutig unter angelsächsisch-protestantischen Vorzeichen vonstatten geht, ist das romanische Europa (mit all diesen − aus Detroiter Sicht − aufmüpfigen Arbeitern) hier einfach im Nachteil.
    Die Amis präferieren heute ganz klar Holland: gleiches Wetter wie in Belgien (wenn auch viel schlechteres Essen), aber dafür brave, arbeitsame Nordis und niedrigere Steuern …

  7. marty 8. März 2013 at 20:13 #

    @ebo und Tim: OK, noch ein Gedanke zur Verteidigung Belgiens …
    Es scheint so, dass manche kleinen Länder momentan besondere Schwierigkeiten mit dem internationalen Großkapital haben.

    Ausnahme (1): winzige, parasitäre Stadtstaaten wie Singapur oder Monaco (die u.a. mit massiver Kostenexternalisierung „arbeiten“)
    Ausnahme (2): kleine Länder mit einer tollen USP (wie Irland − das einzige englischsprachige Euro-Land − oder das Steuerparadies Luxemburg)

    Aber kleine Länder wie Belgien und Portugal haben leider keine großen Druckmittel − und keine einheimischen (evtl. patriotischen) Big Player, sondern meist nur „verlängerte Werkbänke“. Oft sind das sogar nur Montage-Werke ohne große Wertschöpfung.
    Und für so was hat das internationale Großkapital inzwischen andere Länder gefunden. Vor nicht allzu langer Zeit war z.B. Portugal der günstige Produktionsstandort schlechthin.
    Doch dann kam auf einmal Tschechien, dann die Slowakei, dann Rumänien. Alle paar Jahre wird eine neue Sau durchs Automobil-Dorf gejagt (bzw. ausgeschlachtet) …

    Der Turbo-Kapitalismus ist einfach zu effizient und zu mobil geworden. Und mittlerweile gibt es viel mehr Länder, die sich um die wenigen verbliebenen Fabriken reißen − und die sich mit immer günstigeren Bedingungen unterbieten bzw. „prostituieren“. Länder wie Belgien oder Portugal gehören daher tendenziell zu den Verlierern der überstürzten Ost-Erweiterung.

  8. marty 8. März 2013 at 21:18 #

    @Tim: Ich stimme Deiner Präzisierung in Sachen Wettbewerbsfähigkeit überwiegend zu.
    Den Satz „Staats-Wettberbsfähigkeit gibt es tatsächlich nicht“ würde ich aber so pauschal nicht unterschreiben. Es gibt durchaus Faktoren, die sozusagen flächendeckend und branchenübergreifend wirken.

    Zum einen der weiche Faktor „Image eines Landes“ (ja, eine recht schwammige Kategorie − aber nicht von der Hand zu weisen). Ich glaube z.B. nicht, dass die gewalttätigen Krawalle in Athen (inkl. brennender Banken) dem Investitions-Standort Griechenland genutzt haben. Und so ein Image-Absturz betrifft tendenziell wohl das ganze Land („mitgefangen, mitgehangen“) − also z.B. auch den Standort Kreta.

    Ein weiterer, diesmal „harter“ Faktor, der ebenfalls flächendeckend und branchenübergreifend wirkt, ist schlicht und ergreifend die Währung eines Landes. Eine zu teure Währung (wie der Euro) kann in der Tat ein ganzes Land „en bloc“ zu teuer machen …

    • Tim 9. März 2013 at 12:10 #

      @ marty und ebo

      Sagt mal, warum habt Ihr Linken eigentlich immer diese Fixierung auf „das Großkapital“ und Geld allgemein? 🙂 Wenn die Linken diese Attitüde ablegen würden, gäbe es wahrscheinlich eine ganze Reihe von Überschneidungen mit uns Neoliberalen. Denn das tatsächliche Problem ist die Kumpanei zwischen Politik und großen Unternehmen und großen Banken, zum Nachteil aller anderen Firmen.

      „Das Großkapital“ ist nur für einen relativ kleinen Teil der wirtschaftlichen Handlungen verantwortlich, und Geld (also steuerliche und Kostenaspekte) sind bei Investitionen oft viel weniger wichtig, als man glaubt.

      Bleiben wir doch mal bei Belgien. Ihr habt das Beispiel Opel aufgebracht, der typische Fehler aller Wirtschaftspolitiker: sich nur für die großen interessieren. Wenn in Belgien zuwenig investiert wird, dann wird von kleinen und mittelständischen Unternehmen zuwenig investiert. Ich kenne die Situation vor Ort nicht selbst, habe aber viel von extrem lahmen und unwilligen Behörden gehört, die Baugenehmigungen etc. gern mal jahrelang verzögern. Hinzu kommen sicher (wie auch bei uns in Deutschland) immer mehr unsinnige Aufsichts- und Regulierungsvorschriften, die letztlich bloß eine indirekte Subvention für Kanzleien sind und wiederum indirekt Großunternehmen unterstützen, weil die sich leichter Rechtsberatung leisten können.

      Wahrscheinlich gibt es dort auch jede Menge unsinniges Arbeitsrecht wie in Frankreich, das den Haupteffekt hat, vor allem soziale schwächere vor einem Arbeitsplatz zu schützen. 🙂

      Und noch mal Großkapital: Irgend jemand von Euch hat hier behauptet. „das Großkapital“ suche sich in immer schnellerer Folge den jeweils billigsten Investitionsstandort, Stichwort Osteuropa. Auch hier spricht die Realität eine ganz andere Sprache. Guckt Euch mal die Supply-Chains der Industrie an, dort kommt es heute extrem stark auf Prozeßsicherheit und Qualität an. Kosten sind auch wichtig, aber in Exportbereichen sind Arbeitskostrn heute viel weniger wichtig. als Ihr wahrscheinlich glaubt.

      Also. mein Appell: Hört auf, Euch über den geliebten Feind Großkapital den Kopf zu zerbrechen, und fangt an, in den Kategorien der 99 % Unternehmen zu denken, auf die es ankommt. Dann haben wir vielleicht irgendwann eine Chance gegen die Schmierenkomödianten von CDUSPDGRÜNEFDP.

      • Andres Müller 11. März 2013 at 00:06 #

        @marty , als Liberaler der Mitte habe ich eine dezidiert andere Freiheitsvorstellung als die völlige Marktfreigabe an Private. Die Liberalen haben Aktiengesellschaften damals nicht zum Spass geschaffen, es wurde eingesehen das auch Konzerne Haftung für ihr tun übernehmen müssen. Heute kann ich die Übernahme von Verantwortung nur in Ländern erkennen in welcher Regulierung durch Demokratie vorherrscht. Konzerne ohne Kontrolle haben zum Beispiel in China versagt, sie stellten Kinder Arbeitskräfte ein ohne Skrupel und verwendeten Umwelt zerstörende Gifte in der Produktion weil’s billiger ist. Daher muss die Hand des Staates wieder vermehrt die Kontrolle übernehmen, bis hin zu den Managerlöhnen.

        Bürger müssen von Geburt möglichst gleiche Startbedingungen vorfinden, wenn junge Generationen in den Markt eintreten, diese Regulierung (vor allem durch Steuern) kann nur durch den Staat stattfinden.

  9. marty 10. März 2013 at 20:51 #

    @Tim: „Sagt mal, warum habt Ihr Linken eigentlich immer diese Fixierung auf ‚das Großkapital‘ und Geld allgemein?“

    Zunächst einmal glaube ich, dass Du „den Linken“ (= ein weites Feld) unrecht tust. Wer ist denn auf Geld fixiert? Wir Linken legen den Hauptfokus nicht auf Geld, sondern auf Lebensfreude und Menschlichkeit. Es ist der Kapitalismus, der mit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche diese Geld-Fixierung ausgelöst hat.

    Abgesehen davon: das Großkapital ist hier sehr wohl relevant. Ebo sprach vom Niedergang (bzw. inzwischen: Untergang) der belgischen Autoindustrie. Und die ist bzw. war nun mal in den Händen des internationalen Großkapitals (Ford: Detroit − Opel: Detroit − Renault: Paris).
    Streng genommen gab es also nie eine „belgische Autoindustrie“, sondern lediglich eine in Belgien ansässige Autoindustrie. Stell Dir vor, noch bis vor kurzem (1997) war Belgien der größte Autoproduzent der Welt (pro Kopf)! Bis irgendwelche Manager im Ausland den Stecker rausgezogen haben …

    Es stimmt, Politik und Medien sind viel zu stark auf Großunternehmen fixiert. Bei jedem kleinen Rülpser eines DAX-Unternehmens stehen die Jungs im Kanzleramt und im Wirtschaftsministerium stramm. Allerdings hat dieser übertriebene Fokus durchaus einen rationalen Kern: an manchen Großunternehmen hängt in der Tat ein ganzer „Rattenschwanz“ an Zulieferern (in der Regel also KMUs). Wenn so was wegbricht, kann das in einer Region mit industrieller Monokultur ganz schön reinhauen.

    „Guckt Euch mal die Supply-Chains der Industrie an, dort kommt es heute extrem stark auf Prozeßsicherheit und Qualität an. Kosten sind auch wichtig, …“

    Kosten sind sogar SEHR wichtig! Schau Dir mal bei SPON die Analyse zur fatalen neuen Strategie der Auto-Hersteller an („In der Autoindustrie grassiert der Sparwahn. Das Zauberwort heißt Gleichteilestrategie“ http://www.spiegel.de/auto/aktuell/mit-zunehmender-standardisierung-steigt-das-risiko-von-massenrueckrufen-a-867216.html ).

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